Ins Unhörbare hineinlauschen

Gustav Mahler: Die Unruhenden

Theater:Staatsoper Hamburg, Premiere:15.01.2026 (UA)Regie:Christoph MarthalerMusikalische Leitung:Johannes HarneitKomponist(in):Gustav Mahler

Christoph Marthaler inszeniert einen Abend mit Musik des Sinfonikers Gustav Mahler – in Zimmerlautstärke an der opera stabile der Staatsoper Hamburg. Wir lernen darin: Trotz allem Trostlosen muss man nicht die Heiterkeit verlieren.

„Mit allen Mitteln der vorhandenen Technik eine Welt aufbauen“ wollte Gustav Mahler – besonders mit seiner monumentalen dritten Sinfonie. Dass es bei einem so gewaltigen Vorhaben nicht immer leise zugeht, versteht sich von selbst. Wohl gerade deshalb reizte es Regisseur Christoph Marthaler, mit „Die Unruhenden“ einen Mahler-Abend „in Zimmerlautstärke“ auf die Studiobühne der Staatsoper Hamburg zu bringen.

Im trostlosen Nicht-Ort

Ein Sammelsurium bunt zusammengewürfelter Tische und Stühle, ein Harmonium, ein Klavier, eine Celesta, holzvertäfelte Wände und ein zunächst mit Jalousien verschlossener Guckkasten verwandeln die opera stabile in einen jener trostlosen Nicht-Orte (Bühne: Duri Bischoff), an denen der Schweizer Theatermacher seit über 30 Jahren seine Figuren stranden lässt. Diesmal schickt er fünf für ihre Verdienste an der Gesellschaft ausgezeichnete, inzwischen längst vergessene Laureaten in einen Aufenthaltsraum (eines Sanatoriums?), in dem Cellistin Nadja Reich als gestrenge Gouvernante Aufsicht führt und jedes vermeintliche Fehlverhalten mit Klebestreifen an den Ärmeln der Betroffenen sichtbar macht.

Geredet wir wenig in dieser Gruppe der Abgeschobenen, die mit Gesten mehr ausdrücken als mit ihren floskelhaften Kommunikationsversuchen. Immer wieder versucht die Musik Gustav Mahlers sich im Raum zu behaupten. Wie mit der Pinzette herausgezupfte Versatzstücke aus den ersten drei Sinfonien, der unvollendeten zehnten und einigen Liedern werden vom schmal besetzten Fernorchester angestimmt, das in seiner zurückgenommenen Lautstärke von einer abhandengekommenen Welt kündet und zugleich unglücklich mit dem Rauschen der Belüftungsanlage konkurriert. Von den zehn Musikerinnen und Musikern mischen sich fünf auch unter das mit den beiden Sängerinnen Rosemary Hardy und Kady Evanyshyn sowie zwei Schauspielern besetzte Ensemble.

Stummheit überwinden

Johannes Harneit, der die musikalische Einrichtung und Leitung verantwortet, streichelt die Tasten seines Harmoniums mehr, als dass er sie spielt und überwindet seine Stummheit, indem er seinen einzigen Monolog nahezu unhörbar in einen museumsreifen Phonographen raunt und hiernach laut abspielen lässt. Auch Marthaler-Urgestein Ueli Jäggi darf einen Monolog halten, erzählt von seiner Vision, einen echten Wald auf der Bühne wachsen zu lassen: ein hochkomisches Manifest künstlerischer Verschrobenheit in Anlehnung an die Referenzen auf Naturgeräusche in Mahlers Musik.

Und wenn Jäggi sich zusammen mit Magne Håvard Brekke in gegenseitige Bestätigungen dementer Zerstreutheit hineinsteigert, ist auch das eine Erheiterung im Nebelschleier von Mahlers Melancholie, die in Form von Notenblättern durch einen Briefschlitz immer wieder auf die Bühne segelt. Man spielt, was hereinkommt, und schwellen die zerbrechlichen, fein zergliederten, wie von dünnen Fäden gehaltenen Mahler-Miniaturen doch einmal unversehens zu sehr an – wenn etwa Bendix Dethleffsen am gedämpften Klavier ein Forte versucht – mahnt eine blinkende Lampe, die „Zimmerlautstärke“ einzuhalten.

Das partielle Aufbegehren gegen Einsamkeit und Isolation findet an diesem Ort kein Echo. Als die zwölf Mädchen der Alsterspatzen später mit ihren Stimmen die Himmelsglocken nachahmen – eine Stelle aus der dritten Sinfonie – springt eine von ihnen auf den Tisch und schlägt enthusiastisch mit einem Besenstiel ins üppige Arsenal der oben aufgehängten Kuhglocken. Prompt folgt die Enttäuschung: Es sind Attrappen ohne Klang. Wohl nur bei Marthaler kann ein tottrauriger Moment so lustig sein. Auf Erlösung dürfen wir nicht hoffen, aber warum deshalb gleich die Heiterkeit verlieren? Auch wenn die Musik an diesem Abend in homöopathischen Dosen verteilt wird und man etwas Durchhaltevermögen mitbringen sollte, erschließen „Die Unruhenden“ uns den emotionalen Kosmos eines an der Welt leidenden Komponisten ebenso bezwingend wie frappierend beiläufig. Die Stille dieses Stücks hallt sicher noch lange nach.