Consolate Sipérius und Ursina Lardi

Großreinemachen

Milo Rau: Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs

Theater:Schaubühne, Premiere:16.01.2016Regie:Milo Rau

Mit „Re-Enactments“, nachgestellten politischen Ereignissen, auch Groß-Prozessen um die eklatante völkerrechtliche Verletzung von Menschenrechten, rückte der Schweizer Theatermacher Milo Rau auf in die erste Reihe politischer Künstler in Europa; und neuerdings, in Zeiten also des anwachsenden öffentlichen Streits um den vernünftigen Umgang mit den massiven Fluchtbewegungen weltweit, hat er sich in bedeutenden Publikationen mit wütenden Polemiken über die latente Nutz- und Hilflosigkeit europäischer Mitleidskultur zu Wort gemeldet. Dieses Nachdenken prägt auch Raus jüngste Bühnen-Arbeit; erstmals war „Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs“ im vorigen Dezember in bretonischen Rennes zu sehen, in einem Theater jenes europäischen Prospero-Netzwerkes, zu dem auch die Berliner „Schaubühne“ gehört; dort ist die Produktion jetzt angekommen.

Rau entwirft zwei Biographien. Eine ist auf realer Basis erfunden – die Schweizer Schauspielerin Ursina Lardi hat wirklich schon als Mädchen Theater gespielt und wollte tatsächlich mal Primarschullehrerin werden und hat dafür im Ausland hospitiert; aber in Bolivien, so sagt ihre Biographie – nicht im Bürgerkrieg zwischen Hutu und Tutsi ab 1994 im afrikanischen Grenzgebiet zwischen Ruanda und Burundi. Die Erfahrungen dort, die den Kern von Lardis Bühnen-Bekenntnissen ausmacht, sind geschickt montiert aus recherchierten Einzel-Erlebnissen realer Helferinnen und Helfer vor Ort, die für NGO-Gruppen im Einsatz waren, sogenannte „Nichtregierungsorganisationen“.

Gerahmt wird dieses Jammer-Bild einer (noch sehr jungen und überraschend naiven) Frau von der Geschichte um Consolate Sipérius, einer schwarzen Schauspielerin, die in Brüssel vor kurzem „Antigone“ spielte. Ihr wird die Biographie eines von Weißen adoptierten Waisenmädchens aus den Bürgerkriegen vor über zwanzig Jahren beigegeben; und erstaunlicherweise glauben wir dieser (womöglich ja zumindest in Teilen ebenso frei erfundenen) Biographie viel bereitwilliger als der Lebens- und Leidens-Montage um die Schauspielerin Lardi.

Auf das Drama damals blickt sie von heute aus zurück – Lardi und Rau haben unter Flüchtlingen auf der griechischen Insel Kos recherchiert; das Bild vom ertrunkenen Jungen spielt eine große Rolle. Die Flüchtlinge heute sind gut ausgestattet und alles läuft wohl organisiert, lässt Rau Lardi sagen mit Blick zurück – in der Schlacht zwischen Tutsi und Hutu blieb Lardis „alter ego“ gar nichts erspart – und das Scheitern damals will Rau beispielhaft verstanden wissen. Die Kultur des Mitleids, der „Compassion“, dieses Erbes der Generation von John F. Kennedy und Willy Brandt, hat – so Rau – nie zu Lösungen von Konflikten geführt, immer nur zu deren Verlängerung unter der Oberaufsicht der weiß-geprägten Welt-Ökonomie. Um das zu belegen, nimmt er ausgerechnet die ins Visier, die (anders als die systemkonforme, apathische Mehrheit) immerhin irgendetwas zu tun versuchen: die NGO-Gruppen eben.

Dass auch sie (und vielleicht ja wirklich gerade sie!) scheitern, ja scheitern müssen, gilt Rau als letzter Beweis dafür, dass nichts sich ändert, solange nicht jeder und jede einzelne sich ändert und aktiv tätig wird. Wie aber dieser Kampf zu führen wäre – das weiß wohl auch Rau nicht. Die finstre Rache-Phantasie jedenfalls, von der er Consolate Sipérius erzählen lässt (mit jenem apokalyptischen Kino-Massaker unter Nazi-Größen, das am Ende er „Inglorious Bastards“ von Quentin Tarantino steht), dürfte vermutlich selbst von Rau nicht ernst gemeint sein.

Mit stählernem Besen kehrt dieser Abend aus unter vermeintlichen „Gutmenschen“. Das ließe sich akzeptieren – aber vielleicht noch nie hat so sehr gestört, dass dieses Großreinemachen exakt vor jenen freundlich-friedlich Beifall (und auch sonst gern) spendenden Zeitgenossen stattfindet, die gemeint sind. Wir sitzen im vielleicht schönsten Raum der Hauptstadt, in der zum Ku’damm hin gelegen Apsis des Mendelssohn-Baus der „Schaubühne“, der Theater-Kathedrale sozusagen, und nichts in uns muss leiden. Nicht mal stehend müssen wir den Abend ertragen …

Konsequenz im Kampf sieht anders aus.