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Grausam und heiter weiter

Dimitris Papaioannou: Neues Stück I - Seit sie

Premiere:  (UA)   Theater: Tanztheater Wuppertal Pina Bausch
Foto: Julian Mommert 
Von Ulrike Kolter am 13.05.2018

Schon der Auftritt der 17 Tänzerinnen und Tänzer ist ein großer symbolischer Akt, ein zaghaftes Ausbalancieren und wackeliges Wegsuchen: Aus einer Tür der Seitenbühne werden schwarze Holzstühle geholt, einer nach dem anderen, Männer in schwarzen Anzügen und Frauen in schwarzen Kleidern und mit Absatzschuhen steigen von Stuhl zu Stuhl, reichen sich ebendiese weiter zu einer langen Stuhlkette, mit gegenseitigem Stützen, verschmitzten Blicken ins Publikum, einer zaghaften Heiterkeit und Neugier, bis sie die Bühne überquert haben. Es ist der lang erwartete Neuanfang mit der ersten Uraufführung des Tanztheaters Wuppertal knapp neun Jahre nach Pina Bauschs Tod.

Es war psychologisch wie ästhetisch gesehen eine wichtige Entscheidung von Intendantin Adolphe Binder, für die erste Neukreation nach langer Zeit der reinen Repertoirepflege einen Künstler von außen zu holen, den hierzulande unbekannten Maler, Regisseur, Choreographen und Performer Dimitris Papaioannou. Dass der Grieche ursprünglich aus der Bildenden Kunst kommt, zeigt sich in vielen kurzen Episoden, die mehr durch bildgewaltige Optik denn durch tänzerischen Fluss in den Bann ziehen – und die anspielungsreich Pina Bauschs Ästhetik aufnehmen: Naturmaterialien, lange offene Haare, das Spiel der Geschlechter miteinander, die nackte Grausamkeit des Lebens – und Heiterkeit als mögliche Antwort darauf. Dazu gibt’s einen Klangteppich aus Songs und Klassikern, Kratzen und Glockengeläut, Pfeifen und Rascheln (Musik Arrangement: Thanasis Deligiannis und Stephanos Droussiotis).

Auf der düsteren Bühne (Tina Tzoka) stapeln sich meterhoch bröselig-anthrazitfarbene Schaumstoffmatratzen, bald wird ein Baum mit eingepacktem Wurzelballen dort hinaufgeschleift, postiert, wieder ausgerissen, seine Äste abgehackt. Mal peitscht sich dort oben einer aus, dann gleiten und quälen sich Tänzerkörper kopfüber den Stapel hinab. Und immer wieder dienen umgedrehte Stühle als Balancierobjekte oder werden Tische im plötzlichen Energieausbruch über dutzende, am Boden liegende Papprollen geschubst, gleiten mit Tänzern darauf wie Boote quer über die Bühne.

All das sind Assoziationen von Vergänglichkeit (Asche, ein Tierkadaver am Drehspieß) und Lebenslust (das liebliche, selbstversunkene Sockensolo einer jungen Frau), die Papaioannou im krassen aber stimmigen Wechselspiel von meditativen Tableaus und Tempoausbrüchen zeigt. Dennoch bleibt das aus mittlerweile drei Tänzergenerationen zusammengewachsene Ensemble spürbar hinter seinen tänzerischen Fähigkeiten zurück. Die flackern auf, etwa wenn die Damen von den Herren walzerhaft um ihre Stühle gedreht werden, verebben aber viel zu schnell in der nächsten Episode.

Trotzdem geht der Abend ins Mark, quirlt einem das Gemüt durch, und löst wohl auch in Wuppertal eine gewaltige Anspannung: Es geht weiter. Das „Neue Stück II“ folgt bereits Anfang Juni.

 

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