Bühnenbildnerin Kamila Polikova hat dafür einen leeren Würfel auf die ersten Sitzreihen gebaut, dahinter gähnt der leere schwarze Bühnenraum. Ganz beiläufig und ohne Klassiker-Odium rutscht man ins „Habe nun ach“ und damit in der Tragödie ersten Teil. Fließend wechseln die beiden Darsteller die Figuren, die zwei Seelen in der Brust eben, aber dem Verständnis hilft das nur sehr bedingt. Parizek interessiert nicht die Handlung, die wird nur knapp angedeutet. Im Zentrum stehen Gespräche, von denen man hier nie recht weiß, ob ein Monolog aufgeteilt wurde oder wer jetzt im Dialog wessen Position vertritt. Dafür wird gestritten und geflachst, Kleider ausgezogen und das Publikum in ein „Ewige Jugend“-Ritual mit einbezogen. Wer seinen „Faust“ nicht sehr präsent hat, ist (anders als etwa in Stemans Achtstundenversion, die auf den ersten Blick ähnlich funktionierte) rasch verloren oder ergibt sich den Assoziationsketten.
Gretchen spart Parizek lange auf: Zuerst die Künstler, die Männergeschichte (ist es eine Komödie oder ist es eine Tragödie?), dann die Gretchentragödie in Jelineks Übermalung. Nach zwei fremdkörperartigen Video-Einblendungen aus dem Keller schlägt Faust mit einer Axt („der Schlüssel, der zu den Müttern führt“, man ist offenbar im zweiten Teil angekommen) den Bühnenboden auf und holt drei mädchen-rüschenhafte Frauen und die Keller-Zuschauer auf die Bühne: „Mein schönes Fräulein darf ich’s wagen…“ Die Männer fragen mit Goethe, die Frauen antworten mit Jelinek. Erstaunlicherweise wird der Abend dadurch sofort klarer. Versatzstücke wie die charakterisische Schminke oder der Federhut aus Gründgens‘ Faust-Verfilmung machen die Frauen als FaustIn und GeistIn aus Jelinkes Text kenntlich. Sie fungieren als Schwestern oder weibliche Leidensgenossen Gretchens – malträtierte Figuren aus dem Keller, die frei assoziativ auf Stichworte und Zitate reagieren.
Es ist berührendste Szene, wenn Sarah Hostettlers Gretchen die beiden Fäuste minutenlang unbedingt küssen will, aber sofort in eine aggressive Abwehrhaltung kommt, sobald sie einer nur zart festhalten will. Der Rest ist bekannt: Liebe, Muttermord, Kind, Kerker. Jelineks harte Ergänzungen wirken wie Faustschläge. Man hätte gerne mehr davon gehört. So einfach wie die Gleichung am Schluss macht es uns Jelinek nämlich nicht: „Ziehen Sie selbst den Mann von allem hier ab – subtrahieren können sie ja.“
