Szene aus "Etwas Bessers als den Tod finden wir überall"
Schauspiel,

Generalangriff

Martin Heckmanns: Etwas besseres als den Tod finden wir überall

Theater:Staatstheater Kassel, Premiere:23.09.2022 (UA)Regie:Friederike HellerKomponist(in):Masha Qrella

Wieder mal rief die aktivistische Szene zum Klima-„Streik“. Und wie ziemlich genau vor einem Jahr in Stuttgart bei Andres Veiels „Ökozid“ hätte sich mit dem neuen Stück von Martin Heckmanns die Demonstration draußen direkt drinnen fortsetzen lassen können… Noch über die gegenwärtig ohnehin massiv grassierenden Szenarien zu Apokalypse und Weltuntergang hinaus hat die „Bewegung“ inzwischen auch Begleiterinnen und Begleiter innerhalb des Theaterbetriebs gefunden, die sich komplett in den „Dienst der Sache“ stellen. Dabei muss allerdings offen bleiben, ob in diesem Fall Autor Heckmanns nicht einfach nur das „Stück zur Stunde“ schreiben wollte. – Auch das wäre ja verständlich.

Viele Theater jedenfalls reihen sich gern in den Demo-Zug ein, der freitags durch die Städte zieht – nun auch das Staatstheater in Kassel am Beginn des zweiten Intendanz-Jahres von Florian Lutz.

Anzeige

Heckmanns geht allerdings deutlich rabiater als andere zu Werke, wie märchenhaft gemütlich der Ansatz auch aussehen mag. „Etwas Besseres als den Tod finden wir überall“ – mit diesem Satz zogen ja die tierischen Stadtmusikanten los und machten Bremen weltberühmt. Auch sie gehören zum Lebenswerk der in Kassel besonders nachhaltig gepflegten Grimm-Brüder. Heckmanns zerrt sie herüber in die Gegenwart – mit Gewalt und zur Gewalt.

Selbstbewusste Tiere

Der Esel namens Grau, Kollege Hund, der Schlau heißt (und es auch wäre, wenn er nicht immerzu Hunger hätte), die schwangere Katze Schwarz und schließlich kommt statt eines Hahns ein Huhn mit, das schon für die Suppe vorgesehen ist, allerdings zuvor reichlich vom hundert Jahre alten politischen Rotfront-Futter aufgepickt hat, brechen auf aus „Herrenhausen“. Nein: nicht dem hannoverschen Stadtteil, sondern von Hof und Gut des Ehepaars „von zur Mühlen“ – das ist aus dem alten Müller geworden, der im Märchen das strenge Regiment führte.

Die Tiere sind ziemlich gebildet: Grau erklärt dem peitschenschwingenden Gutsbesitzer, wer eigentlich „Arbeitgeber“ und wer „Arbeitnehmer“ ist (eine immer wieder wahre, aber auch sehr alte Weisheit!). Schlau kennt sich auch gut aus in betriebswirtschaftlichen, sozialen und überhaupt politischen Fragen. Dass sie dem Hof den Rücken kehren wollen, folgt dem Erkennen der Welt, wie sie ist. Und da sie nicht so aussieht, als ließe sie sich in absehbarer Zeit nachhaltig ändern, müssen sich halt die bewegen, die in ihr leben. Musik könnten sie ja machen, finden die beiden. Stimmen für den Aufbruch haben sie auf jeden Fall: Gebell und I-Ah-Geschrei. Darum ist natürlich ein kleines Rock- und Song-Trio um die Musikerin Masha Qrella zur Hand.

Dass die Katze fast ersäuft worden wäre, steht zwar geschrieben, wird aber nicht recht kenntlich im Spiel. Sie verschwistert sich aufs Innigste mit einem Huhn, das im Stück „Kommun“ heißt und tatsächlich viel vom alten kommunistischen Revolutions-Vokabular im Gepäck hat für die anstehenden Kämpfe der Gegenwart. Dieses Huhn entdeckt dann ein Gewehr, womöglich in irgendeiner Abstellkammer des von-zur-Mühlen-Hofes. Sie bringt die zuweilen noch zaudernde Bande zum bewaffneten Barrikadenkampf. Wie schon Brecht vor bald hundert Jahren „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ sagen ließ: „Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht.“

Die Menschenwelt, die an üppig gedeckter Tafel weitermachen will, als geschehe gerade nichts von Belang, verzieht sich nun aber lieber doch in den Keller – und wartet ab.

Einigkeit statt Widerstand

Lange müssen Müllerin und Müller nicht unten bleiben. Denn zum einen sind auch Teile vom Tier-Quartett verführbar durch’s bessere Leben – Hund Schlau frisst den Kaviar gleich aus der Dose. Nicht viel später werden die nunmehr bewaffneten und immer aggressiver agitierenden Tiere (Frau Katze stürmt ins Publikum und will irgendwen zerfleischen!) überraschenderweise niedergemäht von Maschinengewehr- beziehungsweise Schlagzeug-Garben – von wem, wird nicht thematisiert. Nun krabbelt Familie von zur Mühlen aus dem Keller. Da aber die Gattin mittlerweile Gefallen am Aufruhr gegen die Verhältnisse gefunden hat, greift auch sie zur Waffe – und richtet erst den Gemahl und dann sich selbst.

Klar – das ist kein schöner Schluss. Aber auch Heckmanns sieht keine Zukunft mehr vor, bestenfalls für die lieben Kleinen in Frau Katzes Bauch. Geboren sind die aber noch nicht, und so beginnen die Kasseler Tier-Darsteller Katharina Brehl (Katze) und Danai Chatzipetrou (Huhn), Clemens Dönicke (Hund) und Jakob Benkhofer (Esel) in der letzten, schönsten und womöglich erst in den Proben entstandenen Szene damit, Sterben zu lernen – wie sie es gerade durchlebt haben auf der Bühnen-Barrikade: einer Mischung aus Käfigen und Show-Treppe, und in den launigen Tier-Kostümen, die auch Sabine Kohlstedt entworfen hat. Die Schauspielerinnen und Schauspieler entdecken und gestehen einander als Privat-Personen, wie sehr sie alle einander brauchen. Auch Lisa Natalie Arnold und Hagen Oechel, Herrn und Frau von zur Mühlen, nehmen sie natürlich auf in die Ensemble-Umarmung der Hoffnungsstifter.

Das ist ein bisschen kitschig. Aber auch ehrlich – nach einem Theaterabend, der ansonsten nicht viel mehr zu bieten als die Ideologien der aktuellen Bewegung. Auch Regisseurin Friederike Heller hält den gelegentlich witzigen, in den Songs auch mal poetischen, vor allem aber angriffslustigen, ja agitatorischen Text von Heckmanns vor allem kompakt zusammen. Alles in allem aber sind sich sowieso alle viel zu einig, als dass irgendwelche Energie des Widerstands beschworen werden könnte. Oder gar die Zukunft am Freitag – Theater braucht über den Jubel der Einverstandenen hinaus vielleicht ja doch ein bisschen mehr als den Generalangriff der Demo-Sprüche.