Image

Gemeinsames VR-Experiment

Christian Schlaeffer/Daniel Stock: Elektrotheater

CrossoverPremiere: Theater: Staatstheater Augsburg
Regie: Cyberräuber, Hannes Kapsch/Winnie Christiansen, outofthebox, Planetenpartyprinzip   Foto: Staatstheater Augsburg 
Von Ulrike Kolter am 18.02.2022

Seit das Staatstheater Augsburg in einer 5. Sparte Digitaltheater experimentiert, war von dort einiges mittels postalisch zugesandter VR-Brille zu erleben: Nach „Judas“ und der Tanz-Produktion „shifting_perspective“ hat mir vor allem die dritte VR-Produktion vor Augen geführt, dass auch im virtuellen Raum emotional bewegendes Schauspielertheater stattfinden kann: Nikolai Gogol: Der Mitarbeiter – Tagebuch eines Wahnsinnigen mit Thomas Prazak in der Hauptrolle war im Sommer 2020 der Beweis.

Das soziale Experiment in VR

Nun erlebte das „Elektrotheater“ live sein erstes Showing: nicht als Inszenierung im eigentlichen Sinne, sondern als gemeinsames Experiment, mittels VR-Brille vom heimischen Sofa aus eine virtuelle Theaterinfrastruktur zu durchlaufen – vom Foyer auf die Bühne, in verschiedene Szenerien hinein. Hier ging es in erster Linie nicht um den künstlerischen Output, der beachtlich, aber marginal war. Viel relevanter war der Versuch, den sozialen Moment des Miteinanders im Foyer, ja sogar bis in die Szene hinein komplett in einen digitalen Raum zu transferieren – mit allen technischen Kinderkrankheiten, die dazu gehören, aber auch mit allem Zauber des Anfangs.

Anzeige

Für die digitale Infrastruktur hatten sich vier Künstlerkollektive „Vier Skizzen“ erdacht, parallel zum VR-Happening liefen auf twitch.tv von der Augsburger Digitalchefin Tina Lorenz moderierte Gesprächsrunden mit den beteiligten Künstler:innen. War man – wie ich – zeitgleich „in VR“, konnten diese leibhaftigen Gesprächsrunden nur in den Pausen im Stream verfolgt werden.

Nach dem üblichen Einrichtungsprozedere (Brille und Controller mit dem WLAN koppeln, Kopfhörer anschließen, Sitzplatz wählen) hatte der VR-Zuschauer vorab die Aufgabe, im virtuellen Foyer Bewegungsabläufe zu üben (Gegenstände hochheben, fallen lassen). Schnell wurde man vertraut mit dem Controller – und konnte sich zusammen mit dem heimischen Digital-Partner innerhalb der virtuellen Räume orientieren. Ich und alle Probanden erhielten nämlich zwei Brillen, was das Experiment um die Ebene soziale Interaktion in VR erweiterte. (Mein Neunjähriger hatte die technischen Abläufe übrigens fast schneller verinnerlicht als ich.) Schwierig war nur, sich im Verlauf des Abends unter dutzenden, abstrakt aussehenden Avataren wiederzufinden… Nebeneinander auf dem Sofa, der Sternenhimmel über uns, Stühle durch die Luft werfen – allein das Ausprobieren der technischen Architektur war riesiger Spaß und funktionierte erstaunlich gut.

Von der technischen Spielerei zur künstlerischen Dimension

Das Begehen eines digital entworfenen Theaterraumes war das eine, die künstlerische Umsetzung von theatralen Elementen das andere. „From Infinity“ von den Cyberräubern (Björn Lengers & Marcel Karnapke) bot Ausschnitte aus Mahlers Kindertotenlieder, zu hören unterm Sternenhimmel, wobei parallel über Kopfhörer laufende Unterhaltungen (Technischer Fehler?) den Moment der Faszination etwas schmälerte. Die Skizze „Zur Oper links abbiegen“ von Hannes Kapsch und Winnie Christiansen schickte uns Avatare durch dunkle Kellergänge und auf die Bühne eines fiktiven Theaterbaus, mit spannenden akustischen Spielereien und philosophischen Textfetzen. Anstrengend dagegen war unsere Odyssee durch die ewig dunklen Räume von „Unicorn Rising – Coding out of Plattenbau“ von outofthebox, bis wir schließlich in der Blumen-bewachsenen Glücklichwelt der vierten Skizze landeten: „Das Andere und das Eine“ vom Planetenpartyprinzip bildete insofern die spannendste der vier Skizzen, weil ein Puppenspieler-Avatar live unter uns war, die Gruppe herumführte, Anweisungen gab, man sich paarweise finden sollte (was mir und meinem Neunjährigen mit verabredeten Handzeichen auch gelang).

Wenn Avatare es schaffen, sich im Kreis aufzustellen, ist zumindest die erste Stufe der Interaktion geglückt. Waren die dreieckigen Berge, gelben Blumen und das flirrende Meereswogen ein gelungenes Bühnenbild? Untergegangen sind wir am Ende, herabgesunken unter den Meeresspiegel. Tot gefühlt habe ich mich nicht.
 

Weitere Kritiken

Nachdenken am achten Tage
Nachdenken am achten Tage

Der Mensch, die Krone der Schöpfung, bekleckert sich momentan nicht unbedingt mit Ruhm…

Joseph Haydn / Bernhard Lang: Das Ende der Schöpfung
Staatstheater Augsburg
Premiere: 10.04.2022 (UA)
Diskurs aus dem Off
Diskurs aus dem Off

90 Minuten Playback-Theater. 90 Minuten lang erträgt das Publikum eine Collage des…

Joana Tischkau: Karneval
Theater Oberhausen
Premiere: 11.02.2022
Gemeinsam individuell
Gemeinsam individuell

„Flieht, ihr Narren!“, heißt es kurz vor Schluss in „Sick of Sickfried“, ein Zitat aus…

Jaques Tabaques, Jaxxon Mehrzweck: Sick of Sickfried! Das letzte Lied der Nibelungen
Deutsches Nationaltheater Mannheim
Premiere: 04.02.2022 (UA)