Schauspiel,

Freiheit des Zigarrenqualms

Friedrich Schiller: Die Räuber

Theater:Nationaltheater Mannheim/Schillertage, Premiere:12.06.2015Regie:Calixto Bieito

Dass die diesjährigen Schillertage in Mannheim unter dem Motto „Geschlossene Gesellschaft“ stehen, wird als Auseinandersetzung mit Schillers Freiheitsbegriff angekündigt. Insofern ergibt es Sinn, wenn Calixto Bieito es in seiner Eröffnungspremiere mit „Die Räuber“ immer wieder um Freiheit gehen lässt: Um die Freiheit, die Franz sich nehmen will, um sich als Herrscher für eine Jugend voller Zurücksetzungen zu entschädigen. Um die Freiheit vom väterlichen Urteil, die Karl sich als Anführer einer Räuberbande nehmen will. Um die Freiheit des alten Moor, seine Söhne zu züchtigen. Um die Freiheit, um die sich manche Räuber im Gefolge Karls betrogen sehen, wenn sie „an einem Karren ziehn wie Stiere und dabei wunderviel von Independenz deklamieren“. Und um die Freiheit, auf der Bühne richtig fette Zigarren zu rauchen, bis der ganze Zuschauerraum verqualmt ist.

Reichlich verqualmt ist auch diese zweistündige Aufführung, die das Dilemma einer disfunktionalen Familie recht bald ausbuchstabiert hat und danach wenig nachzulegen weiß. Wenn man als Zuschauer dennoch dran bleibt, liegt das an den stimmigen und ästhetisch faszinierenden Videoprojektionen (Sarah Derendinger) eines Waldes auf dem Weg vom Sonnenuntergang in die taschenlampendurchhuschte Nacht, den darübereingeblendeten Sequenzen einer Rehausweidung (die für die Opferung der gnadenlos liebenden Amalia steht) – und an Sascha Tuxhorn in der Rolle des Franz Moor.

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Kahlköpfig wie sein Vater (Jacques Malan) buhlt er um dessen Zuneigung, hochgeschossen und machtbewusst geht er vor der angebeteten Amalia (Katharina Hauter) auf die Knie, mit unwiderstehlicher Körperpräsenz und bewundernswertem Gespür für den richtigen Tonfall jedes Halbsatzes zeigt er, wie der unbegrenzte Machthunger aus dem Geltungsdrang des vernachlässigten Kindes entsteht. Ob er den Tod des Vaters erhofft („Ich möchte ihn nicht gern getötet, nur … abgelebt“), Amalia weder werbend noch vergewaltigend Herr werden kann oder nur vor dem nüchtern konstantierten Satz „Nun bin ich uneingeschränkt Herr“ kurz mit dem Finger aufzeigt wie ein Musterschüler, der nach dem Lösen einer schweren Aufgabe die Aufmerksamkeit auf sich lenken will – mit jedem Detail seiner Darstellung fügt Tuxhorn seiner Figur eine Facette hinzu.

Um so drastischer gerät der Spannungsabfall in den Szenen der Räuber: David Müller als Karl ist allenfalls dank seiner Salonrevoluzzer-Zauselmähne als Gegenpol zu Karl zu erkennen, und seine „Bande“ ist auf einen inkonsequent intriganten Spiegelberg (Boris Koneczny) und einen hysterisierten Roller (Julius Forster) zusammengestrichen, deren einzige Gemeinsamkeit es bleibt, in ihrer ersten Szene zusammen die erwähnten Zigarren zu quarzen. Eine Geschichte wird aus all dem ebenso wenig wie die „Anatomie einer Familie“, die Bieito im Programmheft noch vorschwebt.