Image

Follower sein oder nicht sein

Thierry Tidrow: Persona

MusiktheaterPremiere:  (UA)   Theater: Oper Dortmund
Regie: Zsófia Geréb  Musikalische Leitung: Christoph JK Müller   Foto: Björn Hickmann, Stage Picture 
Von Ulrike Kolter am 16.09.2021

Zahlreiche in den letzten Pandemie-Monaten „nur“ digital geborene Premieren werden derzeit live vor Publikum nachgeholt. Ob man die alle erneut als Premiere im eigentlichen Sinn betrachten mag, sei mal dahingestellt; bei „Persona“ an der Jungen Oper Dortmund ist die Transformation vom rein digitalen Happening zum leibhaftigen Erlebnis jedoch doppelt spannend.

Einerseits, weil das Publikum den Handlungsverlauf durchs eigene Smartphone live mitgestalten kann – und die drei Darsteller inklusive Orchester entsprechend situativ reagieren müssen. Andererseits, weil der Plot dieser jungen Oper im alltagsdurchdringenden Kosmos der heutigen Social Media Welt spielt – und damit die eigene Semantik auch in der Produktionsstruktur abbildet: Wir erleben live, wie drei Jugendliche innerhalb der fiktiven, digitalen Plattform Persona interagieren, während wir als Publikum ebenfalls digital eingreifen und abstimmen, was uns sehenswert erscheint und was nicht. Und da behaupte nochmal jemand, Musiktheater sei nicht zeitgemäß!

Anzeige

Das Auftragswerk von Thierry Tidrow (Komposition) und Franziska vom Heede (Libretto) entstand in Kooperation mit der Dortmunder Akademie für Theater und Digitalität und im Rahmen des europaweiten Netzwerkes PlayOn!, das digitale Technologien für die Darstellende Kunst nutzbar machen will und sich dieser Tage auch in Dortmund trifft. Bereits im Juni fand die Digitalpremiere von „Persona“ statt.

Zunächst muss man festhalten: Für die zukünftigen digitalen Errungenschaften der Theater – auf oder jenseits der Bühne – wird öffentlich zugängliches WLAN vor Ort unerlässlich! Das wurde letzte Woche bei der Vorstellung der neuen App Op AR vor der Rheinoper in Düsseldorf deutlich, und es wurde zu Recht auch in Dortmund von den jugendlichen Premierenbesuchern kritisiert: Nicht jeder hat unbegrenzt mobile Daten, um sich über die mittels QR-Code erreichbare Plattform an den Abstimmungen zu beteiligen.

Davon mal abgesehen ist mit „Persona“ in der Regie von Zsófia Geréb ein technisch ausgefeiltes, musikalisch überzeugendes und dramaturgisch spannendes Stück entstanden – und es berührt tatsächlich. Was bei all den Emoji- und Chat-Projektionen nicht selbstverständlich ist. Worum geht‘s?

Alex (Ruth Katharina Peeck), Charly (Anna Lucia Struck) und Rocco (Marcelo de Souza Felix) sind Teenager, die ihre Freizeit zwischen Fitness-Tipps und Klimarettungsphantasien im digitalen Tagebuch der Plattform Persona festhalten und teilen. Das bleibt nur solange kostenfrei, wie genügend Content eingetragen wird, ein gängiges wie perfides System. Während Alex als Social-Media-Neuling noch mit ihrer Identitätsfindung kämpft, hat sich Charly mit Shop und Beauty-Videos längst digital professionalisiert ­– und Rocco lebt geschminkt sein intersexuelles Doppelleben aus. Jeder chattet, tanzt, liked und zweifelt für sich allein in einem der drei voneinander getrennten Würfel, die auf der kleinen Bühne hinterm Orchestergraben postiert sind (Bühne und Kostüme: Dina Nur). Davor erscheinen Chatverläufe, Follower-Zahlen und Selfies auf einer Gaze, die Mediaartist Alexander Hügel passgenau live über die Szenerie blendet.

Der junge Kanadier Thierry Tidrow, Composer in Residence am Haus, hat affektreiche Sprechgesangs-Passagen komponiert, gegen Ende auch kleinere Arien, in denen sich das Junge Ensemble höchst agil präsentiert. Vier Streicher und ein Synthesizer bilden einen die Handlung untermalenden Klangteppich, glissandohaft verspielt, lautmalerisch auch, unter der beachtlich präzisen musikalischen Leitung von Christoph JK Müller.

Auch wenn der Schluss ein wenig die Moralkeule schwingt und sich die beiden eifersüchtigen Mädels am Ende die Follower teilen: Ihre Fragen bleiben. Wie authentisch zeige ich mich da draußen? Lieber Welt retten oder Fitness-Shake und flacher Bauch? Altruismus versus Egoismus – „Persona“ verhandelt im Social-Media-Mikrokosmos die ganz großen Lebensfragen. Dabei nicht plakativ zu werden, ist live wohl noch mehr als rein digital gelungen. Und es lässt einen (schon als Millennial) sehr bange um diese Generation und alle nachfolgenden zurück.

Weitere Kritiken

Mit vielen Sprachen
Mit vielen Sprachen

Die Exposition ist stark. Was kein Wunder ist. Denn das Unwetter in Verdis „Otello“, den…

Bernhard Lang: Der Hetzer
Oper Dortmund
Premiere: 26.09.2021 (UA)
Interaktives Alltagsdrama
Interaktives Alltagsdrama

Während der Aufführung auf‘s Smartphone zu schauen, ist hier nicht Ausdruck von…

Thierry Tidrow: Persona
Theater Dortmund
Premiere: 05.06.2021 (UA)
Auf dem Trockenen
Auf dem Trockenen

Als man zu Beginn den Orchestergraben überbaut sah, hoffte man noch, dass ein wie auch…

Leos Janacek: Kátja Kabanová
Theater Ulm
Premiere: 30.09.2021