Foto: Szene aus der Tanz-Uraufführung nach Thomas Köcks "PARADIES FLUTEN" in Osnabrück. © Jörg Landsberg
Text:Bettina Weber, am 12. September 2015
Am Anfang ist eigentlich schon alles vorüber. Mit der Tanz-Uraufführung nach Thomas Köcks neuem Stück „PARADIES FLUTEN“, ein Auftragsstück für das Theater Osnabrück, das schon beim diesjährigen Heidelberger Stückemarkt vorgestellt wurde, eröffnet das Theater Osnabrück im Großen Haus am Domhof die sechste Ausgabe des Saisonstartfestivals „Spieltriebe“. Das Stück ist der erste Teil einer „Klimatrilogie“, die beiden anderen Stücke sind noch in der Entstehung. Das klingt alles sehr nach Beginn, Neuanfang, Start – das Stück selbst ist jedoch vom apokalyptischen Ende her gedacht: Die Sonne hat sich aufgebläht, um zu einem weißen Zwergenstern zu implodieren, die Welt ist untergegangen, das Inferno liegt hinter uns. Übrig sind aber zwei alte Frauen, dem Schicksal trotzende „Postparzen“, hier gespielt von den Schauspielern Orlando Klaus und Stefan Haschke. Sie stehen zu Beginn der Inszenierung in der Bühnenmitte, können aus Atemmasken noch berichten über das Weltende, während aus dem Hintergrund schon die große Materialflut naht, die das folgende Geschehen bestimmen wird. Da ist nach dem Ende nämlich doch noch etwas: Eine große, alles überflutende Suppe aus Körpern, Erinnerungen, Kulturgeschichtsbruchstücken und Zitaten von Ovid bis Adam Smith.
Inszeniert und choreographiert hat Thomas Köcks Sprachkomposition der Osnabrücker Chefchoreograf Mauro de Candia. Das Stück, das den Untertitel „Verirrte Sinfonie“ trägt, ist ausdrücklich konzipiert als musikalischer Tanz-Schauspiel-Genremix. Der Text besteht aus einer Overtüre, drei Sätzen und einer Coda, Satzbezeichnungen à la tempo rubato oder subito capriccioso fungieren als Szenenüberschriften. Diese Tempovorgaben bestimmen auch wesentlich die Dynamik des Sprechens und der Choreographie – Musik gibt es dann auf der Bühne nicht, nur die Sprache schafft den Klangraum. Ansonsten ist der ganze Abend explizit aus der Bewegung heraus gedacht: Die Materialflut schleppt und zieht sich in Form der ineinander verwobenen Tänzer und Schauspielern über die abstrakt-bruchstückhaft gestaltete Bühne (Mauro de Candia, Margrit Flagner), Sprechchöre tragen die breiten, teils stichwortartigen Textflächen vor, Perspektivwechsel inklusive. Zuweilen erinnert Köcks gewebter, insgesamt sehr beeindruckender Sprachduktus fast an Elfriede Jelinek. Im Kern des Text-Tanz-Mahlstroms schwimmen zwei miteinander verbundene Erzählstränge, die immerhin für ein wenig Zusammenhalt sorgen in der ansonsten allerdings eher losen Collage, die die Menschheitsprobleme ganzer Jahrhunderte zu berühren sucht und dadurch eigentlich nur blitzartig beleuchten kann. Die zwischendurch beschriebenen toten Körper in der Materialflut lassen auch Assoziationen zu heutigen Flüchtingsdramen zu, doch mehr als eine vage Andeutung zeigt sich nicht. Die Kritik am kapitalistischen Markt und an der Ausbeutung von Natur und Menschen bildet letztlich den gemeinsamen Nenner der Geschichten und Erinnerungen, und das Zeit-Raum-Kontinuum ist dabei genauso dehnbar wie das Gummi, das inhaltlich als verbindendes Element dient: Ende des neuzehnten Jahrhunderts entdeckt ein europäischer Architekt die Schrecken der Kolonialisierung in Südamerika, das hier aus den Kautschukbäumen gewonnene Latex findet sich wieder in den Autoreifen, die ein Familienvater in den 1990er Jahren in seiner eigenen Firma verkauft. Wegen seiner finanziell unsicheren Selbstständigkeit streitet sich die Familie täglich. Die Tochter, eine Tänzerin, nabelt sich ab, bleibt aber finanziell abhängig – ein „querfinanziertes“, wiederum prekäres Arbeitsleben, das im Jahr 2017 letztlich ein Zerwürfnis mit den Eltern zur Folge hat.