Hosokawas Musik fängt solche Naturstimmungen in spinnwebenzarten Klängen ein. Die Töne selbst scheinen Naturereignisse, eins webt sich aus dem anderen, die Flöte singt ihre Melismen, Streicher flirren, japanische Windglocken klingeln. Der Chor wird als Teil des Orchesters geführt, haucht Laute, singt Echos der Worte der Solisten. Und selbst diese teils sehr virtuosen, aber durchweg lyrisch geführten Solstimmen bieten keine Opern-„Nummern“, sondern mäandern ganz organisch, bis sich der Zwiegesang der Schwestern zu einer dramatischen Klimax steigert. Sehr seltsam das.
In Kiel spielt die erste Szene vor einem gewaltigen, dunkelsilbern schimmernden Tor, vor dem der Mönch einem Fischer begegnet, der ihm die Geschichte der Schwestern erzählt. Wenn die Pforten sich öffnen, tut sich deren Zwischenreich auf: eine käfigartige, variable Gitterarchitektur mit einer weiß leuchtenden Salzpyramide inmitten, auf die gelegentlich von oben das Salz rieselt wie der Sand in einem Stundenglas, im Lichtdesign von Martin Witzel verführerisch schimmernd. Nicht ganz so verführerisch ist das laute Klappern einiger Verwandlungen, das Hosokawas Musik wenig vorteilhaft bereichert. Walter Schützes Kostüme spielen erkennbar auf die opulenten Gewänder des No-Theaters an, ohne diese allerdings historisch zu zitieren. Und auch Matthias von Stegmanns Personenführung folgt dem Prinzip einer strengen Slow-Motion-Stilisierung, bezieht ihr Mienen- und Gestenrepertoire aber ebenfalls nicht aus dem No-Spiel, sondern aus realistisch überzeichneten Ausdruckgesten – was im Endeffekt an die exaltierten Gesten des expressionistischen Stummfilms erinnert.
Dabei setzt von Stegmann durchaus eigene Akzente. Die beiden Schwestern werden nicht im eigentlichen Sinne erlöst, sie erwürgen sich gegenseitig und gehen dann in der Masse der Schatten auf, die den ganzen Abend sehr effektvoll die Bühne bevölkern. Der dunkle Strom der Schatten verschlingt am Ende sogar den Mönch, so als hätten ihn die schönen Schwestern, den Undinen der europäischen Romantik gleich, ins Reich des Todes gelockt. Wohin diese Umdeutung führen soll, hat sich mir allerdings nicht erschlossen. Auch in Kiel bleibt es beim schönen Rätselspiel, attraktiv exotisch anzusehen zwar, aber sehr selbstgenügsam ein seiner dekorativen Hermetik.
Kiels Erster Kapellmeister Leo Siberski leitet das vorzüglich agierende Philharmonische Orchester zu facettenreichem Spiel an, mit schönen Linien, Akzenten oder Klangflächen der Flöte, des Schlagwerks, der Streicher. Bei der Premiere trug Siberski die Farben allerdings vor allem zu Beginn ziemlich dick auf und übertünchte dadurch viel von Hosokawas subtiler Intensität. Lesia Mackowycz singt die Matsukaze wunderbar schlank und klar fokussiert und kommt damit Hosokawas Stilistik sehr viel näher. Jihee Kim gibt ihrer Murasame helles, sinnlich schönes Timbre, ist allerdings manchmal etwas ausladend im Klang. Timo Riihonen ist ein etwas forciert orgelnder Mönch, Christoph Woo ein klar konturierter Fischer. Der Opernchor singt seinen Part ausgezeichnet, die Statisterie in schwarzem Samurai-Outfit lässt vor den Augen der Zuschauer ein einprägsames Totenreich erstehen. Am Ende begeisterter Applaus für alle Beteiligten.
