Einerseits entstehen flirrende Geschichten, die einem den Boden unter den Füssen wegreißen und den Zuschauer in das Kraftfeld auf der Bühne hineinziehen, andererseits wird man wieder abgestoßen, weil einem keine Zeit für eine Orientierung gelassen wird. Anton kommt am Ende zur Einsicht: „Man sollte irgendwas erzählen, ist doch egal, was stimmt.“ In den Überschneidungen und Spiegelungen, sowie den Brüchen in der Erzählung, verschwimmen die Konturen der Figuren ineinander. Und das Wort „Erzählung“ ist ganz wörtlich zu nehmen, Heesen und Nübling montieren Segmente aus dem Roman zu monolithischen Textabschnitten, unterbrochen durch Dialoge, wie die zwischen Alissa und Katho. Magda Willi hat dazu gestaffelte Spielräume geschaffen, die nach hinten durch eine durchsichtige Wand abgeschlossen werden, die zugleich Spiegelreflexe zulässt. Nach vorne wird das Portal verhüllt mit Plexiglaselementen. Nübling nutzt diesen Raum extensiv, Figuren verdoppeln, verdreifachen, vervierfachen sich in der Spiegelwand. Gleich zu Beginn lässt er einen Ventilator hereintragen, ein Mikrofon verstärkt die Geräusche, nacheinander kommen alle Darsteller auf die Bühne, greifen unter ihr T-Shirt (Kostüme: Svenja Gassen) und lassen das Herz sichtbar flattern. Immer wieder fallen Nübling solche Bilder in seiner lauten Inszenierung ein, die von einem starken Spieltempo angetrieben wird, unterstützt von den zumeist türkischen und russischen Melodien, die Polly Lapkovskaja spielt und singt. Falilou Seck in den Väterrollen und Anastasia Gubareva in den Mütterrollen ergänzen das Ensemble. Am Ende dann bleibt Frage: „Wie kann man überhaupt etwas über sich sagen?“ Anton stellt sie, aber da bleibt unsicher, ob es ihn denn wirklich gibt, obwohl er auf der Bühne ist.
