Szene aus "Wintersonnenwende" am Staatstheater Nürnberg
Schauspiel,

Ein Ungeheuer am Christbaum

Roland Schimmelpfennig: Wintersonnenwende

Theater:Staatstheater Nürnberg, Kammerspiele, Premiere:19.12.2015Regie:Schirin Khodadadian

Die vordere Hälfte der Bühne, wo der Autor eigentlich zum Konzertflügel einen langen Tisch als zentralen Haltepunkt der bevorstehenden Familien-Weihnacht vorgesehen hat, so wie er zumindest in der Stuben-Beschreibung auch Ikea und Biedermeier zum theoretischen Design-Cocktail mixt, bleibt vorerst völlig leer. Aufmarschgelände für Charakterköpfe im Dämmerzustand. Dahinter im transparent verhüllten Galerie-Schaufenster bühnenbreit eine real gipfelspitzige Alpenlandschaft, die gleichzeitig im Kleinformat unter dem Titel „Der Kampf“ (nein, haha, nicht „Mein Kampf“) als halbwegs surreales Bild vom Pinsel des malenden Hausfreundes mit Affärenanschluss gerahmt an der Wand hängt. Der Künstler fällt erst später aus dem Rahmen und Yeti ist es auch nicht, der sich da hinter Plastikbahnen im Schneegestöber räkelt. Aber ebenfalls ganz schön ungeheuerlich die Schwiegermutter, alle Jahre wieder der mit schwindender Geduld ertragene Festtags-Gast ohne Rückreise-Datum. Sie muss erst durch die Trennwand stoßen, um anzukommen, und die schneidende Stimme für diese Prozedur hat Elke Wollmann in ständig anknipsbar strahlender Nervensäge-Bereitschaft mit Naivitäts-Navigation schon mal.

In Roland Schimmelpfennigs neuestem Stück „Wintersonnenwende“, das zwei Monate nach der Deutschland-Premiere in Regie von Jan Bosse am DT Berlin nun in den Nürnberger Kammerspielen durch Schirin Khodadadians Inszenierung einen eigenen Weg sucht (lieber entlang an den Schatten der heutigen Yasmina Reza und des gestrigen Botho Strauß als im grellen Licht einer verkappten Haudrauf-Satire), folgt alsbald die geheimnisvolle Figur des Zufallsgastes, eines doppelzüngigen Ideologie-Verführers: Wer fürchtet sich vorm braunen Mann? Von ihm, dem musischen (hier: pantomimischen) Pianisten und Wander-Ideologen, weiß man bis zum Schluss, wo er dann seinen überraschenden Rauswurf aus dem eben mit völkischem Raunen und einer Lokalrunde Wunderwasser eroberten Familien-Kreis durch ein markiges „Du Saujude“ kontert, nicht viel. Er ist ein Irgendwie, also irgendwie böse, so wie die Gastgeber irgendwie liberal sind und die nordischen Wintersonnenwenden irgendwie auch weihnachtlich. Immerhin braucht die in jeder Hinsicht schnelle Nürnberger Produktion bis zum finalen Blackout nach der Reihung dunkelseitiger Mutmaßungen glatt 35 Minuten weniger als die Berliner Fassung. Geschadet hat es nicht.

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Roland Schimmelpfennig entwirft eine Standard-Situation für die Basis seiner Geschichte, verknetet Psycho-Boulevard mit Polit-Botschaft und absurdem Theater. In Nürnbergs Kammerspielen ist das mit unkalkulierbarem Aha-Effekt verbunden, denn Familienkrieg zu Weihnachten mit ätzender Oma am Christbaum bietet auch das zur gleichen Jahreszeit spielende Mundart-Stück „Lametta“ von Fitzgerald Kusz, das wegen chronischem Publikumserfolg grade erst ins größere Haus umgezogen ist. Doch im Gegensatz zum Franken-Poeten hat der Berliner Schimmelpfennig keine heimlichen Liebeserklärungen für sein Personal. Er führt den auf Medikamentenmissbrauch mit Rotwein-Begleitung setzenden Sachbuchautor (aktuelles Grübel-Projekt „Weihnachten in Auschwitz“) und seine unverkäufliche Filme drehende Ehefrau (Daniel Scholz und Julia Bartolome spielen das frustrierte Paar der mittleren Mittelschicht aus Berlin-Mitte mit viel temperamentvoller Seitenblick-Bravour) am Nasenring über mehrere Wahrnehmungs-Ebenen. Weil er, ach ja, soviel mehr weiß als sie. Dialog-Gefechte sind durch mitgesprochene Szenenanweisungen und gegenläufige Sidekick-Kommentare unterminiert. Die Nürnberger Inszenierung folgt dem Willen des Autors, der das alles (und auch die auftrittsfreie Hörspiel-Partnerschaft des Kindes) gleichberechtigt in sein wortsprudelndes Verfremdungs-Mysterium einfließen lässt, vorbehaltlos. Sie treibt das System, zu dem das ständige Vor- und Rückspulen von Szenen gehört, sogar noch weiter, indem sie allmählich die Grenzen zwischen Zeit und Raum erlöschen lässt. Das Grapschen nach dem einzigen Mikrophon wird zum Gerangel um Deutungshoheit und die Kommandos zur Musik-Einspielung strotzen vor Manipulationsgewalt. Eine Spiegelung der Situation, die den mit gestanztem Lebenssinn hantierenden Verführer (Heimo Essl zeigt das Ungeheuer wie mit Kreide paniert, bis zum Ausflippen gutbürgerlich giftspritzend, ganz die gemütliche Pegida) seinem Ziel verflucht nahe kommen lässt. Da zerschneidet sogar der Maler (Stefan Willi Wang) willig sein abstraktes Bild im Dienste der vermeintlich höheren Werte.

Auf der Vorderbühne ist inzwischen ein künstlicher Christbaum zusammengeschraubt worden, es gibt karge Sitzgelegenheiten und üppigen Alkoholkonsum. Und die Slapstick-Stolperer, die der Regisseurin zu den wirren Gedankensprüngen eingefallen sind, bringen Entlastung aus dem absurden Spiel und seiner behaupteten Anspannung. Ein Indiz dafür, dass Schirin Khodadadian dann doch nicht damit zufrieden war, wie Schimmelpfennig in seinem Text die eigene Verschwörungstheorie päppelt, um die nachvollziehbare These von der latenten Wehrlosigkeit der „aufgeklärten“ Gesellschaft im  Konstruktionsgerüst der aus keinem Autorenkopf wegzudenkenden Zimmerschlachtordnung aufleuchten zu lassen. Sie verzichtet auf nachgeschobene Logik und nimmt es wie eine Rätsel-Zugabe hin, wenn Tempo und Kürzung manchmal die Gedanken des Zuschauers an die Wand fahren lassen. Ist der unheimliche Gast wirklich ein identifizierbares Nazi-Ungeheuer, tatsächlich der „Schlächter“ von Irgendwo, oder steigt das als Angsttraum aus der pillenbetriebenen Phantasie des Hausherrn im Weichei-Verdacht hoch? Man erfährt es nicht, man soll wohl nicht sicher sein, sondern irritiert bleiben.

Was der Regisseurin und dem Ensemble erstaunlich gut gelingt, ist die komödiantische Lockerung der versteiften Thesen und die diskrete Verschiebung der offen bleibenden Fragen auf die Zeit nach der Vorstellung. Man ist amüsiert und gebannt, glaubt den kunstvoll verknoteten Faden zu entwirren und stellt dann fest, dass diese Einschätzung etwas zu optimistisch war. Muss wohl nochmal drüber geredet werden.

Das Premierenpublikum war beeindruckt. Langer Beifall nach kurzweiliger Katastrophe.