Vorzüglich sind allerdings die Solopartien besetzt. Die dramatische Sopranistin Katrina Sheppeard gibt als Vanessa – hier in Erinnerungen schwelgende, alternde Hollywooddiva – eine ideale Figur ab. Gestylt als platin-gelockte Grande Dame ganz im Stil der Dietrich wirkt sie auch in den historischen Filmaufnahmen mit Lover Anatol authentisch. Das starke Tremolo der sehr sicher sitzenden, warmen Stimme der Australierin setzte einen nicht einmal unpassenden Akzent. Gehässig auflachend die schweigsame Baronin, Inquisitor oder wissende Erda der undurchschaubaren Familienverhältnisse: In einer grandiosen Studie überzeugt Gudrun Pelker vom Musiktheater im Revier, eingesprungen für die erkrankte Marilyn Bennett. Ähnlich intensiv, stimmlich mit gewohnt variablem, kultivierten Mezzo Kristine Larissa Funkhauser: als junges Double Vanessas lebt Erika in diesem unwirtlichen Haushalt – zart und scheu anfangs, gereift und gebrochen nach der „Rettung“ aus dem Eis. Ihre Verzweiflung bei der Flucht in den eiskalten Freitod spiegeln verschwommene, zitternde Stummfilmszenen – eine der faszinierendsten Szenen! Der junge Amerikaner Richard Furman (Anatol) entzückt von Beginn an mit strahlendem Tenor. Der Finne Ilkka Vihavainen überdeckt die unsympathischen Seiten des Arztes mit wunderbar sonorem Bass.
Roman Hovenbitzer, in Hagen seit langem gern gesehener Gast, setzt ein bisschen zu sehr auf Aktion. Manch drastische Akzente in der Personencharakterisierung könnten weniger dick aufgetragen sein, die Filmausschnitte und Projektionen (Video: Volker Köster) – vor allem gegen Ende – reduziert werden. Dass hier Theater gespielt wird, signalisiert die Ausstattung von Jan Bammes: Der puppenstubenartige Spielraum ist mit einem dicken Kranz aus Scherben bekränzt – zerschlagene Spiegel, weil Vanessa ihr Älterwerden nicht ansehen wollte? Oder zersplitterte Eisplatten in diesem scheinbar immerwährenden Winter? Ein Vorhang an der Rückwand deutet die Bühne an und verbirgt die Leinwand, auf der Vanessa ihr Filmleben Revue passieren lässt.
Diese neue Folge der ambitionierten Hagener Reihe „Amerikanische Oper“ ist durchaus sehenswert.
