"Mindset" am Düsseldorfer Schauspielhaus

Schafe und Schaumschläger

Sebastian Hotz: Mindset

Theater:Düsseldorfer Schauspielhaus, Premiere:04.11.2023 (UA)Regie:Robert Zeigermann

Die Uraufführung der Dramatisierung des Romans „Mindet“ von Sebastian Hotz am Düsseldorfer Schauspielhaus ist unterhaltsam, lässt aber offen, was das Theater der Vorlage hinzuzufügen hat.

Mit Romanadaptionen fürs Theater ist es so eine Sache. Was im Roman durch detaillierte Schilderungen, epische Beschreibungen oder ausdauernde Menschenbeobachtungen an Fantasie, an Subtext, ja sogar Gefühl bei den Lesenden entstehen kann, muss sich für die Bühne nicht nur in Dialoge übersetzen lassen, sondern auch in dramatische Strukturen.

Zynismus und Einverfühlungsvermögen

Mindset“, der Roman-Erstling des Internetautors und Comedian Sebastian „El Hotzo“ Hotz, dessen Adaption durch Robert Zeigermann nun im Unterhaus des Düsseldorfer Schauspielhauses uraufgeführt wurde, ist so ein Buch, das durch die Differenzierung gewinnt. Auf den ersten Blick stereotype Charaktere erweisen sich auf den zweiten Blick als Persönlichkeiten mit ungeahnten Facetten, für die sich jenseits der Klischees unerwartet Sympathien entwickeln lassen. Der Schaumschläger Maximilian Krach, der als Möchtegern-Consultant eine Gruppe junger Männer mit Stories von Wölfen, Schafen und dem „richtigen“ Mindset von sich zu überzeugen weiß. Der ihnen mit gefälschten Fotos bei Instagram den eigenen beruflichen Erfolg vorgaukelt, ehe er auffliegt. Mirko, ein verzweifelter und überraschend ehrgeiziger IT-Angestellter, der sich nur allzu leicht von Krachs Masche verführen lässt. Die resolute und doch soziale Arbeitskollegin Angela, die Mirko unterstützen möchte, die von Krach verprellte Hotelrezeptionistin Yasmin…

Sebastian Hotz bewahrt sich in seinem Roman die Mischung aus Zynismus und Einfühlungsvermögen, aus Belustigung und Resignation, die auch seinen Tweets und Posts innewohnt. Doch im Vergleich zu seinen sonst vergleichsweise kurzen Texten nimmt er sich in „Mindset“ Zeit für die Entwicklung der Charaktere; Zeit, diese mit einer unmissverständlichen Gesellschaftskritik zu verbinden. Und erzählt jenseits der Geschichte viel darüber, mit welcher Tristesse sich jungen Menschen der Alltag in der deutschen Lebensdurchschnittlichkeit zwischen Produktivitätszwang, gesellschaftlichen Erwartungen und ewiger Handybeschallung darstellen kann.

Schlaglichterreihe

Zeit allerdings nimmt sich Regisseur Robert Zeigermann für die Bühnenversion nur bedingt. Sicherlich erkennt er für diese Adaption das gesellschaftskritische Potenzial, die Situationskomik und den anzuschlagenden Ton der Vorlage. Die entscheidenden Textstellen hat Zeigermann ausgestanzt und ziemlich gelungen in gute anderthalb Stunden Dialoge übersetzt. Und den Fehler, die Geschichte chronologisch nachzuerzählen, vermeidet er auch. Er legt allerdings den Fokus auf die Männerbilder, Frauen sind hier – im Gegensatz zum Buch – nur Randfiguren. In der Summe wirkt das alles eher wie eine handwerklich zwar sichere, dennoch aber lose Aneinanderreihung von Schlaglichtern, denen der dramatische Kitt fehlt. Ja, wie Alexander Want den Blender Krach mit Überschwang in Szene setzt, ist famos. Und die Verbindung von Selbsthass und Optimierungswillen, die Moritz Klaus dem Durchschnittsmann Mirko verleiht, ist köstlich. Doch die übrigen Figuren, darunter auch die Rezeptionistin Yasmin – im Buch die einzige ernstzunehmende Frauenfigur, die obendrein versucht, Krach auf die Schliche zu kommen – werden auf Skizzen ihrer Selbst zusammengekürzt. Fnot Taddese spielt sie alle, von Yasmin über Angela bis hin zum Butterspendermann (ein gescheiterter Geschäftsmann) mit sichtbarem Enthusiasmus, was aber über die Bruchstückhaftigkeit des Abends nicht hinwegtäuschen kann.

Untiefen gesucht

Zu viele Ungereimtheiten liegen am Ende auf dem Tisch, zum Beispiel: Wäre es nicht gut gewesen, die Doppelbödigkeit der Figur Maximilian Krach von Beginn an auszuspielen, statt sie zunächst völlig einzugrenzen auf den selbstbesoffenen Blender? Es ist schön, zu sehen, dass die Figur Maximilian Kracht von einem etwas zu engen in immer größer werdende gelbe Anzüge (Kostüm: Justine Loddenkämper) wechselt, in denen er als Mensch immer kleiner wirkt. Doch reicht das? Das Bühnenbild von Susanne Hoffmann immerhin lässt manche Zweideutigkeit zu: Graue, mobile Kästen an den Wänden fungieren als Handydisplays, sind aber auch Symbole der freudlosen Gleichförmigkeit, die den Mangel an Gestaltungsmöglichkeiten so vieler junger Menschen verdeutlichen. Ein jüngeres Publikum zieht diese Spielplansetzung vermutlich an, immerhin. Für gute Unterhaltung taugt der Abend auch. Wer darüber hinaus Untiefen sucht, ist mit der Lektüre der Vorlage gut beraten.