Wie können derartige Katastrophen – die humanitäre, die politische, die soziale – überhaupt Theater werden? „Man kann sich nicht anmaßen, so etwas dokumentarisch auf die Bühne zu stellen“, sagt Ciulli. Im Zentrum seines gemeinsam mit Elisabeth Strauß entwickelten Bühnenraums befindet sich eine quadratische Wasserfläche. Auf ihr das Skelett eines Bootes. Vier Schauspielerinnen und vier Schauspieler betreten die Bühne in gelben Schürzen über blauen Hemden und mit skurrilen Perücken. Freakige Krankenschwestern, individualisierungswilde Engel? Sie stehen da und überantworten uns und sich dem Schweigen. Aus dem lösen sie sich mit einer Geräuschcollage oder –partitur. Vielleicht sollen wir das Meer hören oder eine kurze, harsche, wortlose Zivilisationsgeschichte. Immer wieder bücken sie sich und finden etwas im Wasser: Kleidungsstücke, ein Portemonnaie, ein Handy. Die sammeln sie auf Seziertischen. Und sie sprechen Texte von Überlebenden und selbst, wohl auf den Proben, entwickelte, poetisch hoch gespannt, aber ohne Pathos. Und treffen sich mehrfach zu chorischem Gesang, entwickelt und grandios einstudiert von Matthias Flake. Motive kehren dabei wieder: das Meer als Sehnsuchtsort, als Ausweg aus der, in die Ausweglosigkeit. Dazu kleine, bleibende theatralische Gesten. Etwa wie Petra von der Beek, die kaum spricht in diesen 90 Minuten, im Boot sitzt, den Kopf auf die Hände gestützt: ein sich einbrennendes Bild von Trauer und Überforderung. Am Ende versammeln sie sich um das oben erwähnte Zeugnis, das von Simone Thoma lapidar vorgelesen wird.
Black. Roberto Ciulli selbst sitzt an einem Pult und liest Paraphrasen aus „Mein Kampf“, in denen das Feindbild ausgetauscht ist. Aus jüdischen Menschen sind afrikanische geworden. Man erschrickt furchtbar, nicht zu sehr über den bekannten bodenlos bösartigen psychopathischen Unsinn, sondern über die fast deckungsgleiche Nähe zu einem heutigem Denken, dass immer weitere Kreise zieht, bei Politikern wie bei Groß- und Kleinbürgern. Ciulli trägt beim Lesen eine Narrenkappe mit Tierohren. Er liest kultiviert. Irgendwann unterbricht er und setzt die Kappe ab. Da sitzt ein müder, alter Mann. Der die Kappe wieder aufsetzt. Wir hören, wie er sich und uns quält. Dann ruft er Erlösung herbei: Goreckis dritte Symphonie. Den zweiten Satz, die Vertonung eines Gebets einer 11-jährigen in Auschwitz. Ciulli umrundet das Boot. Fast scheint es, er möchte abgehen und uns dieser schön schimmernden Musik überlassen. Dann setzt er doch die Kappe wieder auf und liest. Bis zum schwarzen Ende, zu dem der Schauspieler Jubril Sulaimon vom Band mit einem resignativen Gedicht des südafrikanischen Autors Zakes Mda zu hören ist.
„Boat Memory / Das Zeugnis“ ist meisterhaft ausbalanciert. Ciulli, bekanntlich jüngst mit dem Deutschen Theaterpreis DER FAUST für sein Lebenswerk ausgezeichnet, beherrscht seine Mittel, lässt empathisch spielen mit viel Poesie. Scharfe Satire, lächelnde Ironie, kollernder Wortwitz leuchten auf, konterkarieren, stören das fragile Gleichgewicht aber nie, selbst die Provokation der Hitler-Lesung hat Eleganz. Geballte Fäuste gibt es nicht, auch nicht in der Hosentasche. Der Abend ist ein Juwel, ein perfekter Mikroorganismus, ein kostbar durchscheinendes Kleinod.
Das ist eigentlich zu wenig. Für dieses Thema. Aber zwischen Empathie und Sentimentalität passt auf der Bühne nicht viel. Und Ciulli und sein Ensemble halten sich traumwandlerisch wahrhaftig auf der richtigen Seite. Sie verhüllen ihre Hilf- und Fassungslosigkeit nicht. Auch wenn mal einer lächelt, wenn sie frei sind im Spiel, meint man zu spüren, wie die intensive Beschäftigung mit den realen Tragödien sie angefasst hat. Das Ringen um Haltung, das über die professionelle Arbeit hinausgeht, die Angstlosigkeit, mit der sie ihre Angst vorzeigen und dabei doch immer die Distanz wahren, zu sich wie zu ihrem Gegenstand, zwingt uns Zuschauer, uns einzulassen. In uns hineinzuhorchen. Was macht es mit uns? Und was können wir bloß tun?
