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Doppelsinn zum Doppelkinn

Frédéric Sonntag: George Kaplan

SchauspielPremiere: Theater: Staatstheater Nürnberg, Kammerspiele
Regie: Klaus Kusenberg   Foto: Marion Bührle 
Von Dieter Stoll am 29.05.2016

Die Aufrüstung von der Studentenbude zur Weltregierungszentrale findet in drei Schritten statt, und dass dies ein Unglücksfall der Gesellschaft sein muss, kann man auf der breiten Bühne der Nürnberger Kammerspiele alsbald an Tröpfchen-Metaphern ablesen. Die Kaffeemaschinen  werden immer moderner, aber geschmeckt hat offenbar nur die Discounter-Brühe in der WG. Vielleicht, oder auch nicht! Zwei Frauen und drei Männer sind da zunächst vereint als schrill diskutierende Aktivisten-Truppe, werden in der zweiten Runde zum zynischen Hollywood-„Dream-Team“ für geheimnisvolle Story-Entwicklungen anonymer Geldgeber (kein Trump zu sehen, nirgends) und sitzen im dritten Teil als raunendes Sicherheits-Kabinett vor den Realität abschöpfenden Videowänden. Von A bis E hat Frédéric Sonntag, der junge französische Autor mit dem britischen Aderlass-Humor, seine streitbaren Figuren getauft, die wie ein Entschlüsseldienst in Entwicklungssprüngen um jenes Phantom „George Kaplan“ kreisen, welches seit Alfred Hitchcocks Film „Der unsichtbare Dritte“ als elastisches Synonym für manipulierte Wirklichkeit gilt. Kein Wunder, dass beim überkochenden Gedankenblubbern um das Unfassbare sogar der cineastische Suspense-Meister selbst, der Dompteur von Doppelsinn und Doppelkinn, verdächtigt wird, seine Finger im schmutzigen Spiel gehabt zu haben – und Nürnbergs Regisseur Klaus Kusenberg in dieser Szene der grade verfügbaren Blondine die Frisur von Tippi Hedren verordnete. Geht solche Interpretation zu weit? Na klar, aber das ganze Stück lebt schließlich davon, überinterpretiert zu werden.

Zunächst also kreischende Theorie-Revolte im AstA-Underground. Mit Bommelmützen-Maske zum Live-Dreh fürs Video-Manifest, wo sich die Junioren der „Gruppe George Kaplan“ mit schepperndem Selbstwertgefühl  per Mehrheitsbeschluss zu „Gespenstern unserer Existenz“ und „Gefangenen des Treibsandeffekts“ erklären, aber auch die relevante Problematik von Geschirrspülen nach den Sitzungen in vermutlich dritter Lesung nicht undebattiert lassen wollen. Seit dem „Leben des Brian“ und dem letzten Klima-Gipfel ist selten so grundsätzlich gegenläufig bis weit hinters Komma ausdiskutiert worden. Mit dem handgemachten Propaganda-Video wird es jedoch nichts, die Bommel sind im Weg und erst muss man klären, ob es klug ist, wenn zur Wahrung der Anonymität jeder auf den Namen  „George“ hört. Alle sind sehr aufgeregt, das gibt was zu spielen. Dann wird der Tapetentisch durch Design ersetzt, ein Laptop-Spalier versammelt nun Edelfedern der medialen Fabulier-Manipulation – zufällig Geschichten-Entwickler aus Hollywood, man kann sich auch eine Übermalung mit Polit-Journalisten vorstellen. Der Fachmann für lustige Dialoge ist allerdings in der Pointenentwicklung stark eingeschränkt, weil ihm grade die Liebe seines Lebens den Laufpass gab. Auch ganz lustig. Und dann, als ob die Verschwörungstheoretiker vom Anfang auf der Karriereleiter direkt an der Fassade in die oberste Etage der Hysterie geklettert wären, die ums Volk mächtig besorgte und mit jeder denkbaren „Aufklärungs“-Technik ausgestattete Regierung. Dem George Kaplan schauen sie direkt ins Hotelzimmer und ihr unverrückbarer Handlungs-Beschluss steht felsenfest: Abwarten!

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Frédéric Sonntag ist auch Schauspieler, und das merkt man der Arbeitsweise des Autors deutlich an. Er verfeuert die Talente der Figuren selten in Aktionen (na gut, sie schütten sich hingebungsvoll Wasser ins Gesicht), sondern lässt sie dauernd Anlauf nehmen zu mimischen Fitness-Sprüngen, die es dann gar nicht mehr zur Beweisführung braucht. Er will auf seinem ambitionierten Thema von der unkontrollierbaren Wirklichkeit nicht hart landen, wo er doch die Möglichkeit hat, drüber weg zu schweben. Das ergibt viele Szenen, die wie Improtheater-Fixierungen mit geschickter Nachbearbeitung wirken. Wenn er einer seiner Extrem-Protagonisten, der militanten Verfasserin von zehn unfehlbaren Geboten für die Schaffung wirksamer Dramatik, mitten in der dreiteiligen Aufführung verkünden lässt, ein Stück dürfe niemals aus drei Teilen bestehen, ist das Selbstzweck-Schmunzeln endgültig wichtiger als die Aufklärung. Aber was kann schöner sein als die Erfindung eines Fußballspiels mit drei Toren („Trialektik“ sagt der Polit-Profi mit großem Ernst), sofern man dem Universum und dem Theaterbesucher das Staunen erhalten will.

Regisseur Klaus Kusenberg weiß Bescheid über den Unterschied zwischen „1984“ (auch im Spielplan) und „George Kaplan“, zwischen Schmerz und Scherz. Er füllt die Fugen zwischen Frédéric Sonntags  Szenen mit Video-Animation auf großer Projektionswand, verschafft den  beherzt einsteigenden Schauspielern (Christian Taubenheim, Karen Dahmen, Thomas L. Dietz, Philipp Weigand, Bettina Langehein) eine zweite Strichmännchen-Existenz in den gekonnten Comics von Nicola Lembach und lässt diese Darstellungswelten miteinander verschmelzen. Mittlere Sprechblasen-Größe braucht es da als imaginäre Grundausstattung, um die nicht allzu sperrigen Gedanken des Autors unterzubringen. Er war selbst zur Premiere gekommen, umarmte den Regisseur, schien glücklich mit der Leichtgewichtsklasse der Aufführung. Das Publikum war amüsiert, es gab keinen Grund zur Beunruhigung.

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