Mit den Kinobildern kann das Theater nicht wetteifern, das Regieteam versucht es gar nicht. Ausstatter Jan Bammes abstrahiert die Handlung sehr stark. Im Mittelpunkt der Bühne steht ein spiralförmig nach oben laufender Weg, auf dem Lola und der sehr bewegliche Chor rauf und runter rasen. Ein Overheadprojektor ist häufig im Einsatz. Der Laborcharakter des Spiels mit der Zeit gerät dadurch in den Fokus auf Kosten der Spannung. Denn wer gerade wen bedroht, woher Gefahr kommt, bleibt unklar. Die Texte sind nur selten verständlich, eine Übertitelung gibt es nicht. Das alles senkt die direkte Wirkung des Stücks.
Dennoch ist „Lola rennt“ ein gelungener Abend. Was der Szene an aufwühlender Energie fehlt, liefert Ludger Vollmers Musik. Rhythmisch skandierende Chöre, ekstatisch sich wiederholende Motive wie in der amerikanischen minimal music – oder noch mehr in Michael Nymans Kinosoundtracks -, leise, lyrische Passagen, wenn die Zeit zwischendurch still steht – Vollmer schöpft aus dem Vollen, lässt es krachen und flüstern, bedient sich im großen Stilrepertoire der Postmoderne. Das Philharmonische Orchester Hagen musiziert lustvoll und präzise unter Leitung von David Marlow. Kristine Larissa Funkhauser – die schon die Hagener Aufführung von Vollmers „Gegen die Wand“ trug – ist eine agile, kämpferische, im Dreck des Daseins an die Liebe glaubende Lola, zwischentonreich, ehrlich, mit der nötigen Sportivität. Auch Raymond Ayers überzeugt als Manni, vor allem in den subtilen, nachdenklichen Tönen. Die Oper leidet etwas an ihrem überambitionierten Libretto, aber Ludger Vollmer zeigt Wege zu einem heutigen, populären Musiktheater. Großes Lob auch ans Theater Hagen, das nicht nach Uraufführungen schielt, sondern das in Regensburg uraufgeführte Stück mit Elan und Engagement nachspielt.
