Vor dem Bühnenrand (Bühne: Márton Ágh) sehen wir aufgetürmte Weizenkörner, Pflanzen und Seifenblasen, die zur Oberfläche steigen. Zunächst schwebt über dieser Unterwasserlandschaft ein Floß. Auf diesem Floß steht Charon im kniehohen Wasser. Spielerisch legt er Papierboote auf das Wasser und zerreißt sie, als die Rettungsboote das Floß zurücklassen. Im szenischen Teil des Abends wird mit Wasser und Dürre gespielt: Da bleibt ein zynischer Nachgeschmack. Nachdem das Floß mit den verhungernden Menschen verschwunden ist, türmen sich hier Berge von Weizen in einer trockenen Landschaft. Und ausgerechnet hier übergibt Charon Jean-Charles eine Flasche Wasser. Doch gegen den Durst und den Hunger kann nichts mehr helfen. Die Körner verschwinden und enthüllen das Verborgene: Berge von Skeletten. In diesem Bild treffen sich der Tod, Charon und Jean-Charles. Hier endet die Qual.
Neben den akustischen Reizen wird auch mit der Stille gespielt. Vor Beginn des zweiten Teiles legt das Orchester seine Instrumente nieder und wendet sich mit den anderen Akteuren dem Publikum zu. Sie starren uns anklagend an. Nur der Tod und Jean-Charles wenden ihre Blicke ab. Wird es nun im zweiten Teil um den angekündigten aktuellen europäischen Bezug und die Katastrophen im Mittelmeer gehen? Aber nein: Angedeutet wird das Thema lediglich durch eine Videoprojektion am Ende. Wir sehen Gesichter von Männern, die vom Leben gezeichnet sind. Mit geschlossenen oder verdeckten Augen, aber auch mit offenen Blicken schauen sie uns entgegen. Zwischendurch erscheint das Wort „WIR“. Währenddessen kämpft Jean-Charles mit dem Tod. Das Stück endet, als das letzte Gesicht seine Augen mit den Händen verbirgt.
Es wird schwach kritisiert, dass wir nicht sehen wollen, was vor unseren Augen geschieht. Doch warum werden die Betroffenen nur projiziert? Gehören sie nicht auf die Bühne, wenn doch sie die Überlebenden sind? Warum besteht der Chor nur aus Europäern? Das inszenierte Konzert soll dokumentarisch, episch und realistisch sein, doch gerade der Realismus geht verloren, das Potenzial des Oratoriums wird nicht ausgeschöpft. Ein Abend mit eindrucksvoller musikalischer Leistung und starken szenischen Bildern – aber auch mit verpassten Chancen.
