Schwarz-Weiß-Malerei gehört auf keinen Fall zu den Eigenschaften, die Ernst Krenek auszeichnen. In seiner von politisch und künstlerisch gegensätzlichen Strömungen bewegten Zeit reflektiert er die Prozesse und ihre Implikationen immer äußerst differenziert, identifiziert sich mit den verschiedenen Ansichten aber meist genau so wenig wie mit einer der einschlägigen Kompositionsschulen, die seine Zeit prägten – eine wahrhaft kritische, zugleich aber leicht missverstandene Herangehensweise. Krenek streut Dissonanzen in diesem 1928 entstandenen, vorwiegend romantischen Werk relativ dicht, doch zur freien Atonalität ist es von da ein weiter Weg.
An der stimmlich so markanten Stereotypisierung erkennt man an dieser Oper im Miniformat – perfekt für die kleine Nebenbühne der Semperoper -, dass Humor und Ernst sich in Kreneks „Das geheime Königreich“ die Waage halten sollten. Diese Balance ist in Inszenierung und musikalischer Umsetzung trefflich gelungen. Prägnant, mit Freude und zugleich Maß, arbeiten die vorwiegend dem _Jungen Ensemble Semperoper_ angehörenden Sänger unter dem Dirigenten Mihkel Kütson diese humorvoll angelegten Extreme heraus: Mit seinem hohen, kraftvollen Tenor gibt der so hitzige wie opportunistische Rebellenführer (Mert Süngü) den romantischen Helden par excellence ab; gestochen scharf wie eine geborene Koloraturzicke schmettert Norma Nahoun den Part der Königin aufs Parkett; jovial, als wäre er selbst König, Alexander Hajek als der Narr; und der zaudernde Autokrat (Hans-Joachim Ketelsen) entlarvt sich mit seinen behäbigen und wunderbar sonoren Tiefen als der planlose Herrscher, für den seine Frau ihn hält. Weiß unterstreicht diese Typisierung seinerseits noch mit ironischen Versatzstücken wie dem Brusthaartoupée des Rebellenführers oder der Nerzstola der materialistischen und geltungssüchtigen Königin, mit der er den König, nach gewonnener Erkenntnis, zynischerweise sich zudecken lässt zum Ende des Stücks.
Sinn und Zweck dieser Stereotypisierung erschließt sich erst darin wirklich, dass Krenek seinen Hauptfiguren die Gelegenheit gibt, diese zu durchbrechen: berührend der Moment, als die Stimme seiner ermordeten treulosen Gattin den König unerkannt, doch liebevoll davon abbringt, sich selbst zu richten. Hier verwandelt sich Norma Nahouns eben noch so drahtiger Klang in ein reines, weiches Schimmern. Niemand bleibt hier ganz, wer er zu sein schien. Mythos ist Wahrheit, Wirklichkeit ist Täuschung. Auch was der Befehlshaber, seine gierige Gattin und schließlich auch der Rebellenführer für Macht halten, ist eine Blase, die jederzeit platzen kann – und es auch tut. Ein Phänomen, das in all seiner märchenhaften Simplizität seine Zeitlosigkeit, wie man sehen kann, periodisch unter Beweis stellt.
