Das ebenfalls futuristische, sehr aufwendig-künstlerische Kostümbild erinnert an die Kleidung von Raumschiffbesatzungen in Science-Fiction-Filmen. Fast alle K. umgebenden Figuren, die Wächter, die Kollegen in der Bank, der Advokat etc. sehen durch die halbdurchsichtigen Masken über den Gesichtern, durch ihre Körperhaltungen und die häufig synchronisierten Bewegungen aus wie Androide. Bombana lässt sie teils roboterartig mit den Köpfen wackeln, mit gestrecktem Arm auf Josef K. zeigen, der neben ihnen, außerhalb ihrer Runde steht oder liegt, sich immer wieder verzweifelt mit den Händen den Kopf hält. In diesen Szenen ist die Musik, die an diesem Abend von Walter Fähndrich bis Peteris Vasks reicht, bedrohlich. Es ist, als sei Josef K. der einzige, der letzte Mensch. Kt. Flavio Salamanka schenkt dem Protagonisten mit seiner präzisen Ausführung und seiner darstellerischen Kraft eine ganz besondere emotionale Tiefe. Wie wundersame Auszeiten stehen zwischen den Szenen der Bedrohung die Begegnungen Joseph K.s mit den Frauen, mit Fräulein Bürstner (Bruna Andrade), der Frau des Gerichtsdieners (Rafaelle Queiroz) und Leni (Blythe Newman): Sinnliche, anmutige Duette voller Anziehung. Sie bieten ihm kleine Refugien, Schutzräume. Dagegen sind die Begegnungen mit den männlichen Charakteren von der Unterwürfigkeit Josef K.s geprägt. Bombana hat sich hierbei, wie dem Programmheft zu entnehmen ist, von den Konflikten Franz Kafkas mit Autoritätspersonen inspirieren lassen – ein eher rudimentärer Teil der Werkinterpretation, die ansonsten von der historischen Entstehungszeit der Romanfragmente losgelöst ist.
Davide Bombana hat eine dramaturgisch durchdachte Szenenabfolge choreographiert, vermeidet es aber, allzu konkret nachzuerzählen. Das entspricht der fragmentarischen Vorlage und erweist sich als großer Gewinn: Vielmehr zeigen Bombana, rosalie und das Karlsruher Ballettensemble die große Furcht von Josef K., seine Verlorenheit in einer Welt, die nur noch aus Technik besteht. Zuletzt, wenn der fortgeschrittene Prozess ihn sein Leben kostet, wird er an Seilen kopfüber in die Luft gezogen. Es ist eine pessimistische, aber vielleicht die zeitgemäßeste und anschaulichste „Prozess“-Adaption, die man sich vorstellen kann.
