Mit dem Rhythmus des Atmens
Ein besonderer Clou der Inszenierung von Max Claessen ist dabei, dass zu Beginn das Wesen wie ein Embryo in einem vom Bühnenboden herabhängenden durchsichtigen Plastiksack gehüllt sich dann langsam aus diesem befreit – wie später auch das Frauwesen, dem Victor aber kein Lebensodem einhaucht –, zuerst eine Hand und dann nach und nach der ganze Körper. Diese Figur ist von keinem der populären Monsterzutaten geprägt, kein „King-Kong“, kein „Godzilla“, kein „Alien“: kurz, hier wird ein menschliches Wesen in die Welt geworfen, dessen Anders-Sein von der Umwelt nicht respektiert wird. Mit den Spiegeln und einer raffinierten Beleuchtungsregie schafft Claessen eine streng formale Ästhetik. Mit den schönen Bildern entwickelt er eine akustische Dramaturgie, die ihre Höhepunkte im Urschrei findet: Sobald um einen Toten getrauert wird, gellt es markterschütternd, insbesondere bei dem Vater von Victor (André Stuchlik). Begegnungen der Gesellschaft mit diesem Wesen enden ebenso in einem Schrei. Franziska Roth, Elias Baumann und Anke Fonferek zeigen da in ihren verschiedenen Rollen eine große Vielfalt.
Der „Schrei“ ist Teil des „Sounds“, den Max Claessen geschaffen hat und die eine eigentümliche Atmosphäre stiften: Klänge, Akkorde und Töne begleiten die gesamte Inszenierung. Mal unterstützen sie die Stimmung einer Handlung, mal bilden sie zu den Ereignissen auf der Bühne einen Kontrapunkt, immer aber entwickeln sie einen Drive, der auch das Spiels des Ensembles beeinflusst. Es ist, als ob dies dem Rhythmus des Atems folgt: nach dem Ausbruch die Phase der Ruhe, des Luftholens, wird der Atem gleichmäßig, bis dann wieder ein Ausbruch folgt. Claessen ist eine spannende ästhetische Lösung gelungen. Schade nur, dass in Bayern nur ein Viertel des Publikums eingelassen werden darf, die Leere des Zuschauerraums lastet auch auf das Verhalten des Auditoriums schwer.
