Gertrud Kohl spielt sie mit beeindruckend eisiger Macht. Und weil der Apfel bekanntermaßen nicht weit vom Stamm fällt, handelt der missratene Nachwuchs genauso hinterhältig. Hier gönnt keiner dem anderen die Butter auf dem Brot, auch nicht der Geschäftsführer Michailo oder der Onkel und Anteilseigner Projor. Nur Anna, die nach Jahren zurückgekehrte Tochter, scheint noch einen Funken Anstand zu besitzen. Sie wird denn auch gleich von allen misstrauisch als potenzielle Gegnerin im Streit um das große Erbe beäugt – so überführt Talke also das Gemälde in lebende Figuren auf der Bühne. Zudem dehnt er immer wieder einzelne Sequenzen zu Stummfilmszenen in Slow Motion aus, wabern Nebel und Horrorfilmsounds über die Bühne. All das macht durch die gut getimte Vernetzung der Effekte und das insgesamt starke Spiel der Besetzung ziemlich Spaß.
In dieser Inszenierung gibt es – im Gegensatz zu anderen neuen Interpretationen – am Ende tatsächlich ein lukratives Erbe, vom Konkurs der Firma ist nicht die Rede. Da offenbar auch in dieser Wassa noch etwas Mutter steckt, teilt sie zuletzt mit ausgewählten Familienmitgliedern das Geld. „Ich bin doch ein Mensch“, sagt sie. Schade nur, dass man ihr diese Solidarität nur schwer abnehmen kann, zu wenig blitzt vorher auch nur das geringste Anzeichen für diesen Wandel auf. Talke führt eine bösartige Familie über knapp zwei Stunden sehr gelungen vor, die Suche nach etwas Gutem hinter der gemeinen Fassade am Schluss kommt allerdings allzu überraschend – ein Makel, den das Saarbrücker Publikum nicht zu stören schien. Es applaudierte begeistert.
