In dieser „Unsichtbaren Handlung für Solistin, Instrumente und Stimme“ von 1982/84 stützt sich Sciarrino, der selber das Libretto zu seinem „Lohengrin“ verfasste, auf die Textvorlage von Jules Laforgue (1887), der den Lohengrin-Stoff parodierte. Das tut Sciarrino nicht. Er unterzieht den Text einem Selektions- und Reduktionsverfahren und vertauscht die Reihenfolge: Der Hochzeitsnacht folgt qualvolles Warten auf die Manifestation einer Vision. Die Schauspielerin Ursina Lardi (Elsa) befreit aus den Worten das gesamte Repertoire an stimmlich produzierbaren Lauten, als leuchte sie eine Höhle bis in den letzten Winkel aus. Sie wandern durch alle Register, Dynamiken und Farben, gurgeln, raunen, keuchen und mischen sich mit der ganz natürlichen Sprechstimme oder setzen ihr mit plötzlich sie durchfahrenden Schreien einen Kontrapunkt entgegen. In keinem Moment merkt man Lardi den Kraftakt an, der hinter dieser risikobehafteten Herausforderung steht.
Mit traumwandlerischer Sicherheit bewegt sie sich in Ingo Kerkhofs angemessen reduzierter Inszenierung auf dem Terrain des Unbekannten, Ungewissen, Unerschlossenen. Ihr Mund wird zur Tür, die den Zugang zu einer namenlosen Seelensprache freigibt und sie verstehbar macht. Hier finden fiktive Dialoge mit Lohengrin statt, der sie in gespenstisch verzerrter, tiefer Stimme abweist und verschmäht, ihre Hüften zu mager findet, sich in den Schlaf flüchtet und vom weißen Kissen, das sich in einen Schwan verwandelt, davongetragen wird, worauf Elsa in galoppierenden Wahnsinn verfällt. Die Syntax zerbricht, die Semantik der Worte löst sich in irren Wiederholungen in Luft auf. Bedeutung ist nur noch im Klang zu finden, und der führt direkt in die Schreckenskammern ihres Traumas hinein. Beeindruckend und beängstigend zugleich ist vor allem, dass Lardi inmitten dieser Besessenheit immer ganz real, fast gewöhnlich wirkt. Jedes Bewusstsein davon, im Theater zu sein, geht verloren. Die 50 Minuten klingenden Wahnsinns erzählen mehr von der Wirklichkeit, als es jedes Drama könnte.
Neben der Leistung, die Ursina Lardi alleine auf der Bühne vollbringt, scheinen sich die obligaten, seichten Videoprojektion, die sporadisch hinter dem Vorhang vor sich hin flimmern, geradezu zu schämen. Und das sollten sie auch. Denn jede Ebene, die Elsa nicht mit ihrer Stimme berührt, verkommt zum überflüssigen Beiwerk, auf das Kerkhof in seiner wunderbar geräumigen, zurückhaltenden Inszenierung ansonsten verzichtet.
