Die zwischen radikal fordernd bis scheu räsonierend entwickelte Rolle des Autoren ist in Hannover vielstimmig als Stockmann-Lookalikes auf der Bühne zu sehen – und wird auf satirisch gezeichnete Typen gehetzt: Intendant, Dramaturg, Lektorin. Debattiert werden soll über Stockmanns Zweifel an der Repräsentanz gesellschaftlicher Probleme in der Kunst. Weg mit den leicht abzunickenden Stückaussagen des Anprangertheaters, lautet die Forderung. Kapitalismus sei scheiße, Pegida doof. Wisse doch fast jeder im Publikum. Man sollte beispielsweise nicht den abstrakten Rassismus da draußen in der Welt kritisieren, sondern den konkreten in uns angehen, sagt ein Stockmann-Darsteller. Sucht er nun dem Haarmann in sich? Fehlanzeige. Mit immer neuen Ansätzen und grobmaschig gehäkelten Metadebattenschlaufen wird vom langweiligen Theater erzählt, das immer nur dasselbe denkt und macht. Zur Verdeutlichung macht Stockmann ebenfalls genau dasselbe: endlos redundant.
Der Versuch, das Scheitern des Autors darzustellen als Scheitern am Theater oder grundsätzlich an der Unfähigkeit (dem Unwillen?), über sich selbst hinauszudenken – suppt immer mehr in eine nervend „selbstreferenzielle Nabelschau“ des Autors. Als das auf der Bühne gesagt wird, gibt es höhnischen Szenenapplaus. Anerkennung aber dafür, wenn aus Leibern der geschmähte Haarmann-Fries Alfred Hrdlickas nachgebildet wird, den das Sprengel-Museum bisher verstecken musste. Diese Blicke hinter die Kulissen Hannovers und des Theatermachens, das Abarbeiten an Sachzwängen, Konventionen, Eitelkeiten und lokalen Neurosen, ist allerdings auf dieser Bühne schon deutlich witziger zu erleben gewesen – in der Insider-Groteske „Die römische Octavia“ des Dramaturgen Christian Tschirner.
Die Aufführung selbst bemüht sich sehr gekonnt um Unterhaltungswerte. Regisseur Lars-Ole Walburg spielt lässig mit Musicalklischees, läst ironisch tänzeln, mal chorisch prägnant sprechen, mal lamentierend monologisieren. Niedlich gesungen wird auf streichzart tuckernden, von Klangmelancholietau beschwerten Wohnzimmer-Electro-Beats des live Tasten drückenden Les-Trucs-Duos. Hübsch rauf und runter transponierte Schlagermelodien haben sie komponiert. Das famose Ensemble agiert Soap-Opera-keck. So dass ab und an vergessen werden kann, dass Theater hier eben nicht zeigt, was es will, sondern nur hin und her, kreuz und quer mit Leitartikelvokabular buchstabiert, was es nicht will. Walburg zitiert dazu schön beiläufig auch Tops und Flops und Gags der Stadt- und Aufführungsgeschichte seiner Hannoveraner Intendanzzeit. Als wäre dieser Abend der letzte dieser Ära. So hat Walburg auch zu Aufführungsbeginn den Begriff Durchreise als Buchstabenballett choreographiert – und lässt mit Stockmann am Ende behaupten, dass die Durchreise durch Themen, Stoffe, Stücke nicht reiche, man bei eigenen Wahrheiten ankommen, sich verheimaten (in Hannover?) müsse. Das ist weder dem Autor noch dem Regisseur mit dieser Uraufführung gelungen. Buhrufe gab es. Und freundlichen Applaus fürs Ensemble.
