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Das Phänomen Walter Benjamin

Peter Ruzicka: Benjamin

Premiere:  (UA)   Theater: Hamburgische Staatsoper
Regie: Yona Kim  Musikalische Leitung: Peter Ruzicka   Foto: Bernd Uhlig 
Von Christian Strehk am 04.06.2018

Ein abgewrackter Wartesaal aus prächtiger Vorepoche. Im diffusen Graublau der Zelluloid-Dokumentarstreifen ist er mal Bücherhalle, Tanzsaal oder Agitprop-Versammlungsstätte, mal Durchgangsstation für Flüchtende. Heike Scheele schafft mit ihrem Bühnenraum eine passgerechte Höhle für ein bemerkenswertes Kammerspiel in Riesenformat. Peter Ruzicka stellt darin mit „Benjamin“ seine dritte Oper an der Staatsoper Hamburg zur Diskussion, als ehemaliger Intendant in eindrucksvoller Doppelfunktion als Komponist und spürbar umsichtiger Dirigent.

Yona Kim versuchte als Librettistin das Phänomen Walter Benjamin in den Griff zu bekommen, den letztlich ungreifbaren Intellektuellen, den Kulturwissenschaftler, Philosophen und Übersetzer, der lieber wichtige Fragen stellte, als sie zu beantworten. Ausgehend von der existenziellen „Grenzsituation“ in den Pyrenäen, kurz bevor der fliehende jüdische Dichter von den Nazis in den Suizid getrieben wurde, beleuchtete sie in sieben Rückblende-„Stationen“ Schlüsselmomente im Leben und Schaffen. Eine Art Alptraumspiel und „musiktheatralische Metapher“.

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In Personalunion als Regisseurin weicht Kim nun von ihren eigenen Szenenanweisungen ab und spaltet die stets abwägend unentschiedene Figur Benjamin in einen Sänger und seinen rein skandierenden Doppelgänger (Günter Schaupp). Beide interagieren dann mit den in Kostüm (Falk Bauer) und Foto-Beschilderung ein wenig überdeutlich ausgewiesenen Bezugspersonen: mit der Ehefrau Dora Kellner, der Publizistin Hannah Arendt, der lettischen Geliebten Asja Lacis, dem Freund und jüdischen Religionshistoriker Gershom Scholem sowie Bertolt Brecht. Da die Inszenierung überall Solisten, Statisterie und Chormassen präzise in Echtzeit und Zeitlupe bewegt und ordnet, verliert Ruzickas zwischen konkretem Zeitbezug und „nach-gedachter“ Philosophie changierendes Werk nirgends die szenische Fassung. 

Der Komponist erweist sich in offensichtlicher Traditionslinie von Gustav Mahler und Alban Berg bis Hans Werner Henze einmal mehr als Meister intensivierter Instrumental- und Gesangslinien. Im riesigen Orchestersatz, den die Philharmoniker klangsinnlich und transparent zugleich nachzeichnen, verlaufen sie beispielsweise in den vielfach geteilten Streichern mit bohrender Konstanz – eingehüllt von Spreiz- und Clusterklangflächen, punktuell bereichert von Schlagwerk-Impulsen, die aus einem anderen Raum live zugespielt werden. Höhepunkt ist die Fünfte Station, in der Ruzicka auf seine Oper „Celan“ Bezug nimmt und den beachtlich mit Halbtonschichtungen kämpfenden Chor (Einstudierung: Eberhard Friedrich) zu einem minutenlangen Holocaust- und „Jerusalem“-Aufschrei verdichtet. Das geht im Zeichen des im Sturm solcher Negativgeschichte hilflos die Flügel ausbreitenden „Angelus novus“ ähnlich unter die Haut wie verwandte Passagen in Schönbergs „Moses und Aaron“. Umso schweriger wird es danach, die ja ebenfalls wahre kindliche Naivität Benjamins auszuhalten, die der Kinderchor (Hamburger Alsterspatzen) in Wunderhorn-Versen bespiegelt. Oder das süffig über Duparcs Baudelaire-Vertonung sogar an Puccini und Saint-Saëns anknüpfende Herz-Schmerz-Terzett, bevor die Titelfigur mit dem Fleischermesser im Kopf auf das erlösende Ende zutaumelt, um „nur nicht zu spät zu kommen“.

Die Bariton-Titelpartie in Prinz-von-Homburg-Manier stellt Dietrich Henschel weniger als expressiven Leidensmann, sondern eher als gedeckt klingenden Fragesteller hin. Überraschend wenig vokale Statur erlangen die Männer Bertolt B. und Gershom S., obwohl der Tenor Andreas Conrad und der Bass Tigran Martirossian gut besetzt sind. Ruzicka und Yona Kim interessieren sich mehr für die Frauenfiguren. Da gibt es die Kassandra-Rufe von Dora K. und Hannah A., die Marta Swiderska und Dorottya Láng als lyrischer Sopran und dramatischer Mezzo eindringlich transportieren. 

Und es gibt den laserstarken Koloratursopran von Lini Gong, der sich stramm marxistisch ins stets umformbare Weltbild des verliebten Antihelden brennt. In moskautreuer Paillettenuniformierung erscheinen solche Vokalkapriolen wie eine politisch aufreizende Reinkarnation der Bergschen Lulu.

Das bunte Panoptikum verleugnet aber im enorm geschickten Timing nie den nicht zuletzt bei der Münchner Musikbiennale über Jahre geschulten Weitblick des Musiktheater-Kenners Ruzicka. Die Resonanz des hanseatischen Uraufführungspublikums nach 90 intensiven Minuten ist darauf positiv, von etlichen Bravo-Rufen durchsetzt, wenn auch nicht entfesselt enthusiastisch. Auch das passt zu Walter Benjamin.

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