Szenisch gefeiert wird eine Revue: Gesang, Tanz, Musik, Ich-Marketing, Video, Grillparty, Schatten- und Schauspiel. Überbordend positiv entwickelt sich aus dem Gemeinschaftsgefühl heraus das Multikulti-Futur zum postmigrantischen Präsens. Die im Text noch vorhanden Verständigungsparolen – schleift Mauern zu Brücken, nutzt Fernweh zum Entdecken paralleler Welten in eurer Nachbarschaft – werden nicht benötigt. Auf der Bühne haben die Jugendlichen den dialektischen Dreischritt längst hinter sich und aus dem Widerspruch der elterlichen und deutschen Kultur ihr vor Vitalität berstendes Pubertätsleben synthetisiert. Und wenn mal Widersprüche, Probleme, Ressentiments auftauchen, ertönt sofort als Entschuldigung: „Wir machen doch nur Spaß, Alter.“
Dass die Darsteller ihre eigenen Texte darbieten, ist natürlich ein Authentizitätsgewinn – aber eben auch recht eindimensional. Alle erzählen elanvoll von sich, zeigen aber bestenfalls das, was sie sagen. Unter-, Neben- und auch mal ganz andere Töne sind von Laien auch nicht zu erwarten. Obwohl einige schon wirkungssichere Bühnentiere sind. Und geradezu mitreißend die dramatische Grundsituation des Stücks überspielen. Denn Anonymus loggt sich (als Stimme aus dem Lautsprecher-Off) in den Gute-Laune-Chatroom ein, nutzt ihn zum Countdown des eigenen Selbstmordes. Und begründet diese Flucht vor dem Sündenfall Migrationshintergrund so, wie die Bühnenfiguren schon lange nicht mehr argumentieren: aus einer Opfermentalität heraus, ohnmächtig der Wunsch nach Heimat, das Ringen um Identität, schamvoll zerrissen zwischen zwei Lebenssphären. Allein deswegen fühlt sich Anonymus bereits schuldig, ausgegrenzt, unumkehrbar verbannt an die Peripherie der Gesellschaft. Das Aufgeben nervt die obsessiv gemeinsam Aufbegehrenden. Eine Auseinandersetzung findet nicht statt, die Jugendlichen kontern nur mit dem, was ihrer Ansicht nach alles toll ist hier und jetzt. Und am allertollsten, das sieht man, ist ein Theaterjugendclub, in dem theatrale Formen fürs Outing der eigenen Lebensgier auszuprobieren sind. Lust auf Zukunft, Volldampf auf allen Ebenen. Ach, wie alles sein könnte, wenn wir es Friede-Freude-Frischmilch-Weiß an-, über-, ausmalen – energieprall eine Welt behaupten, nicht viele Welten voneinander abschotten. Traumtheater Bielefeld, multikulturale futurissimo.
