Dieser seltsame, höchst manierliche, diskret exotisch erscheinende ältere Herr in Schlips und Bügelfalte, Arzt von Beruf, Deutscher und aus Paraguay kommend, ist eine Zufallsbekanntschaft von Großmutter Corinna, die sie unterwegs auf ihrer Reise zum Weihnachtsbesuch bei Albert und Bettina im Intercity aufgabelte. Und Mayer fasziniert zunehmend nicht nur Corinna. Er plaudert gepflegt über altdeutsche Vornamen, über so schöne, doch leider „verlorene“ deutsche Vokabeln wie „ritterlich“, „anständig“, „stolz“, über Kunst und ihre Aufgabe, „ins Licht zu führen“. Sonderlich eloquent vermag er Musik in Worte zu fassen (tolles Solo für Stempel). Und dann spielt er auch noch perfekt Chopin und Bach und klimpert ein bisschen Wagner („Tristan“) auf dem ansonsten fatal stummen Konzertflügel. So sind denn alle hingerissen, bis auf den hypochondrisch wehleidigen, tablettensüchtigen Albert, der zunehmend „Druck auf den Brustkorb“ bekommt und ahnt: „Mit Mayer stimmt was nicht. Wer weiß, wen man da ins Haus gelassen hat…“
Auch unsereins im Parkett schwant längst: Mit diesem scheinbar ach so liebenswürdigen und kultivierten Biedermann aus Südamerika kam etwas offensichtlich extrem Fremdes, Böses ins Haus, tropft etwas in die Köpfe und Seelen dieser vorweihnachtlichen Gesellschaft, von dem sie meint, ansonsten nichts damit zu tun zu haben. Es ist das hier verführerisch süß schmeckende Gift faschistoider Ideologie, die vom Schönen und Guten schwärmt, vom sauberen, wohl geordneten Garten, der von Blattläusen gesäubert sein müsse, von der Vermischung mit Unkraut. Denn immer und überall müssten Ordnung und Reinheit über dreckiges Chaos triumphieren, womit selbstredend unser Liberal-Libertinäres, Kränkliches, unsere Glaubens- und Orientierungslosigkeit gemeint ist, dem der Untergang drohe. So wie in der Natur das Niedere und Schwächere dem Höheren, Gesunden und Stärkeren weichen müsse.
Damit ist in Roland Schimmelpfennigs Konversationsstück „Wintersonnenwende“ endlich heraus, was im schwarz abstrahierten Bühnenbild schon angedroht wurde: am Ende Schlimmes, eben kein Kabarett. Doch zuvor gibt es genau das in langen 100 Minuten. Quasi als grobkörniges Vorspiel zum subtil gedachten Menetekel: Nämlich die notorische Anfälligkeit der total demokratisierten, total freiheitlich sich dünkenden, unentwegt mit sich hadernden und letztlich ziellosen Bürgerlichkeit (und nicht nur der!) fürs Totalitäre mit seinen klaren Ansagen. Diese werden in der letzten halben Stunde aberwitzig illustriert durch Rudolph Mayers geschliffene Hardcore-Rederei gegen das Ungeziefer, das sich zersetzend einniste im abendländisch Hehren und Edlen, wofür die westlich individualistische, jammerlappenhafte Verweichlichung den Nährboden liefere; wobei dem immer strammer werdenden Bieder-Mayer unversehens schon mal das Wort „Saujude“ von den Lippen flutscht. Zum absurden Finale vereint sich die verzankte Sippe zu einer Art Abendmahl, das Mayer austeilt. Alle schlucken ein Glas irgendwie geweihtes Wasser als „Destillat des Lebens, als Vermächtnis und Auftrag…“ Auch Albert schluckt, dessen neues Buch „Weihnachten in Auschwitz“ just in Arbeit ist.
Der Autor, durchaus mutig und problembewusst, kapert ein nicht einfaches, aber ewig virulentes Thema: Der Hang des einzelnen zur Freiheit sowie Ein- und Unterordnung; seine Kühnheit und zugleich Ängstlichkeit. Bei Schönwetter mag sich das austarieren, bei Schlechtwetter kippt es schnell – Wintersonnenwenden… Eine kriegerische Angst- und Frust-Kompanie wird da unversehens zur erlösungssüchtigen Fascho-Gemeinde. Ja wirklich, ein großes Thema, aber doch nur ein hölzernes Thesenstück. Noch dazu in Schimmelpfennigs nervender Collage- und Verfremdungstechnik: Immerzu treten die Figuren heraus aus ihren Rollen, um sich selbst oder gegenseitig zu kommentieren. Und obendrein die aktionistisch witzelnde Regie-Routine, vom Hochleistungsensemble immerhin intensiv durchexerziert. Und als Schlusspointe, auch das noch, ein Kitschbild mit Kind und Weihnachtskerze.
Warum nur fanden weder Regie noch Dramaturgie den Mut, aus der wenig originellen, dafür unendlich breit gewalzten sozialpsychologischen Vorlage eine so straffe wie ätzende Polit-Satire zu keltern? Eben alles in schnellen 90 Minuten Kabarett, wie wir anfangs dachten.
