Foto: Joel Andreasson mit Statist:in aus dem Deutschen Nationaltheater Weimar © Candy Welz
Text:Joachim Lange, am 13. März 2026
Deutsches Nationaltheater Weimar: Joanna Lewicka inszeniert „Der Mordfall Halit Yozgat“ von Ben Frost und Petter Ekman. Ein Stück, das die Schrecken des neunten NSU Mordes auf die Opernbühne bringt.
Der Mord an Halit Yozgat am 6. April 2006 im Kasseler Internetcafe seiner Eltern war der neunte NSU Mord. Dass NSU die selbst gewählte Abkürzung für Nationalsozisalistischer Untergrund ist, weiß mittlerweile jeder. Dass diese rassistische Mordserie möglich war und dass viel zu lange in die falsche Richtung ermittelt wurde, ist eine Schande. Auch, dass bei dem Mord in Kassel ein V -Mann des Verfassungsschutzes anwesend war und dass dessen Rolle bis heute nicht wirklich aufgeklärt wurde.
Ben Frost und Petter Ekman versuchen mit ihrer Oper in sieben Versionen, mit der sie und Librettistin Daniela Danz musikalisch der Gegenrecherche „77sqm_9:26 min“ von Forensic Architecture folgen, mit ihren Mitteln, Licht in den Fall und diesen Fall ins Bewusstsein zu bringen. Das kann man nur begrüßen. Nach der eindrucksvollen Uraufführung in Hannover 2022 ist Weimar kein schlechter Ort für den neuerlichen Versuch. Zumal man mit einem Theater, das eine Szene sieben Mal wiederholt, im Falle der Weimarer „Zauberberg“-Inszenierung beste Erfahrungen gemacht hat. Diesmal ist die Wiederholung in Variationen aber vorgegeben und nicht der zentrale Regieeinfall.
Sieben als Schlüsselzahl
Bei Joanna Lewicka (Regie), Norbert Bellen (Ausstattung) und Aleksander Janas (Video) wird in den durch gläserne Stellwände angedeuteten Räumen des Tatort-Internetcafés der Durchblick vor allem metaphorisch behauptet. Das Abfilmen eines nachgebauten Modells der Räume von oben durch die Akteure verpufft völlig. Zumindest für die vorderen Zuschauerreihen im rechten Teil des Saales der Redoute, weil man schlicht und einfach nichts davon wirklich auf der Hintergrundleinwand sieht. Es muss ja nicht gleich die Perfektion haben, die Frank Castorf auf diesem Feld erreicht hat. Aber Videoeinsatz, nur weil es Mode ist, bringt nichts.
Joel Andreasson, Calvin-Noel Auer, Andreas Koch, Heike Porstein, Johannes Preißinger, Hagar Sharvit und Sayaka Shigeshima imaginieren mit ihren Textfetzen Alltagskommunikation. Sie werfen sich sprechend und singend die Bälle zu, wechseln dauernd die Rollen. Die Kostüme entindividualisieren sie ohnehin. Nach und nach wird aber die Methode, die wiederholten Textpassagen zwischen den sieben Akteuren zu wechseln, zum dominierenden Surrogat der Botschaft selbst. Dass es im Libretto von Daniela Danz beim Autoverkäufer immer wieder heißt, dass er „wegen dem“ und nicht „wegen des“ Autos telefoniert, ist da noch das geringste Übel. So wird halt geredet – auch der Genitiv hat es heutzutage in der Alltagssprache schwer. Metaphorische Schlüsselsätze: „Das ist Deutschland, kaltes Land.“ werden da schon mal überdeckt.
Wortmusik
Immerhin entfaltet die brutalisierte Variante von Minimalmusik mit ihrem drängenden, hämmernden Rhythmus, die Marco Alibrando mit den Streichern und dem Schlagwerk im Bühnenhintergrund beisteuert, ihre eigene Suggestivkraft. So wird aus der überschaubaren Anzahl von Blöcken mit Alltagskommunikation in den Wiederholungsschleifen tatsächlich ein Parlando der Wortmusik.
Wenn dann aus den Prozessakten die Passagen zitiert werden, die sich mit V-Mann Temme befassen, steigert sich das wiederholende Spiel mit den Wortfetzen wie in einem Crescendo von Fassungslosigkeit und Wut. Dazu wirbelt ein Ventilator die Aktenblätter durcheinander und die Spurensicherung in weißen Schutzanzügen fängt an, Blatt für Blatt zu schreddern. Im Grunde war das ein wirkungsvolles Ausrufezeichen der Erkenntnis! Doch danach geht es weiter in Richtung Betroffenheit.

Das Ensemble spielt vor dem Hintergrund Deutschlands. Foto: Candy Welz
Mit eingefügter persönlicher, wie aus der Rolle tretender Publikumsansprache von Calvin-Noel Auer, samt Exkurs zu dem Videospiel, bei dem Nazis abgeschossen werden sollen, die dort nur Germans heißen. Dann rotiert die Schneemaschine wegen der metaphorischen Kälte in Deutschland. Eine gefühlte Ewigkeit faucht der Wind zu einem stummen Mutter-Courage-Schrei an der Rampe. Wenn hinten jetzt für alle lesbar „Das ist Deutschland“ prangt, dann kann man sich schon fragen, ob da nicht (noch) ein „auch“ davor fehlt. Aufrüttelnde Recherche und/oder demonstrative Betroffenheit? Wie geht noch mal der Theaterhauptsatz von Shakespeares Königin Gertrud? Mehr Inhalt, weniger Kunst!