Aufführungsfoto von „Die Nacht vor Weihnachten“ von Nikolai Rimski-Korsakow an der Bayerischen Staatsoper München. Ein Mann in Frack und Zylinder mit roten Handschuhen, steht in einer Gruppe aus Wesen mit unheimlichen Masken.

Die Schuhe der Zarin

Nikolai Rimski-Korsakow: Die Nacht vor Weihnachten

Theater:Bayerische Staatsoper, Premiere:29.11.2025Vorlage:Die Nacht vor WeihnachtenAutor(in) der Vorlage:Nikolai GogolRegie:Barrie KoskyMusikalische Leitung:Vladimir JurowskiKomponist(in):Nikolai Rimski-Korsakow

In „Die Nacht vor Weihnachten“ verwebt Nikolai Rimski-Korsakow surreale Traumwelten mit christlichen Weihnachtstraditionen und heidnischen Ritualen. Die Inszenierung Barrie Koskys an der Bayerischen Staatsoper hat, trotz gut sitzender Personenführung, einen übersichtlichen Schauwert.

Wenn ein Regisseur wie Barrie Kosky eine Nacht vor Weihnachten in Szene setzt, und es sich dabei um die gleichnamige Oper von Nikolai Rimski-Korsakow handelt, ist man per se auf ein großes Spektakel eingestellt. Immerhin muss bei dieser Geschichte, deren Libretto der Komponist aus einer Erzählung von Nikolai Gogol destilliert hat, ein Personal unter einen Regiehut gebracht werden, zu dem der Teufel und eine Hexe genauso gehören wie eine Kollektion skurriler Dorforiginale.

Hier hat sogar die Zarin persönlich einen Auftritt, bei dem sie ein paar Herrscherweisheiten von sich gibt – und ganz Landesmutter – ein Paar ihrer schönsten Schuhe verschenkt. Wenn diese Zarin umrahmt vom doppelköpfigen Reichsadler im weißen Prachtgewand wie eine Dea ex Machina im zweiten Teil des Abends aus dem Schnürboden einschwebt und dabei musikalisch mit großem zaristischen Pomp gefeiert wird, der zu den Insignien noch jedes Zaren gehört, dann ist Kosky ganz bei sich und liefert den szenischen Coup, ohne den es bei ihm nicht geht. Für Violeta Urmana ist das ein kurzer, maßgeschneiderter Auftritt, für den sie sich Zigarette und einen Drink reichen und ihre baumelnden Beine mit den Luxus-Schuhen abschrauben lässt. Die zu ebener Erde von Otto Pichler beigesteuerten Balletteinlagen eines Tänzer-Halbdutzends, sind dabei eher verblüffend banal illustrierende Dutzendware. Da nützt es auch nichts, dass die Kostüme, die den Hof imaginieren, hübsch funkeln.

Entfesseltes Märchen mit Bodenhaftung

Über weite Strecken gibt es in Sachen Opulenz diesmal eher nur magere Kost. Schon die gedämpft angeschmuddelte Farbpalette für das Bühnenhalbrund, das Klaus Grüneberg diesmal für die Kosky-Show gebaut hat und die Kostüme, die Klaus Bruns zumindest den Volksmassen, die schon vor dem ersten Ton aus dem Graben die Bühne füllen, aus der Secondhand- (bzw. Alltag-von-heute-) Abteilung des Fundus verpasst hat, bremsen diesmal den puren Schauwert merklich aus.

Aufführungsfoto von „Die Nacht vor Weihnachten“ von Nikolai Rimski-Korsakow an der Bayerischen Staatsoper München. Eine Frau sitzt in einer riesigen gusseisernen Bratpfanne. Drei Gestalten mit Totenköpfen und blutverschmierter Kleidung fassen die Pfanne am Rand an und schauen sie an.

„Die Nacht vor Weihnachten“ von Nikolai Rimski-Korsakow an der Bayerischen Staatsoper München mit Elena Tsallagova. Foto: Geoffroy Schied

Die Bühne füllt ein mehrstöckiges Halbrund irgendwo zwischen Hausfassade und Arenatribüne, mit Leitern davor und großem Muster dahinter. Es ist im Grunde eine Theater-auf-dem-Theater-Situation, bei der sich die Handlung als ein Spiel fürs „normale“ Publikum entfaltet. Ab und zu wird auch von dort oben gesungen oder eine Akrobatikgruppe zeigt, was sie am Kletterseil so kann. Insgesamt aber kommt das entfesselte Märchen mit einer Bodenhaftung daher, die erstaunlich ist.

Aparte Mixtur

Das um die schöne, anfangs ziemlich hochnäsige Oksana (die Elena Tsallagova mit imponierend sicherer Leichtigkeit durch alle Gefühlslagen manövriert) und ihren wackeren etwas ungehobelten Bräutigam Wakula (standfest: Sergey Skorokhodov) agierende Personal ist hingegen durchweg auch körperlich aufgeplustert. Es stolpert in geometrisch bunten Fantasiekostümen durch die Szene – die nächste Wodkaflasche immer im Blick. Russische Groteske trifft Commedia dell‘ arte könnte man meinen – Schostakowitschs Polizeistation in seiner „Lady Macbeth“ ist da nicht weit weg.

Wie in einem Schneegestöber sind hier das heidnische Fest der Wintersonnenwende und das christlich-orthodoxe Weihnachtsfest teuflisch surreal zu einer aparten Mixtur verwirbelt. Die Hexe Solocha stattet Ekaterina Semenchuk mit einer so vollbusigen Anziehungskraft auf die Männer aus, dass sie nacheinander gleich mehrere heimliche Besucher in Kohlensäcken verstecken muss. Sie alle suchen ihre Nähe, wollen sich aber dabei nicht erwischen lassen. Szenisch funktioniert auch das eher mäßig. Dass Wakula sich auf das Ansinnen seiner Angebeteten in Sachen Schuhmode einlässt, ist das nachvollziehbar Eine. Dass der sich mit dem Teufel einlässt, um ans Ziel zu gelangen, das märchenhafte Andere. Der Teufel (Tansel Akzeybek) kann hier zwar den Mond verschwinden lassen und einiges in Gang setzen, ist aber nicht wirklich unentbehrlich. Wenn all das fürs zuschauende Volk in Szene gesetzt wird, zahlt die Regie die Lacher eher mit Kopeken als mit ganzen Rubelstücken. Vergleicht man es mit Christof Loys genial schwereloser Bühnenzauberei in Frankfurt vor vier Jahren, kann sich Koskys Inszenierung, trotz einzelner akrobatischer Höhenflüge, nicht bis auf Augenhöhe vom Boden lösen. Unterhaltsam ist es dennoch, weil die Personenführung im Detail sitzt und weil Vladimir Jurowski für die vor allem nach der Pause wie ein Feuerwerk explodierende Farbigkeit der Musik von Rimski-Korsakow nicht nur einen Herkunftsbonus hat, sondern weil das Bayerische Staatsorchester ihm mit Lust und Sensibilität dabei folgt, all das auch auszuspielen.