Der Bühnen-Luther lernt sie und beiläufig auch die Trends der Popmusik mit 21 Songs zumindest etwas besser kennen. An den biographischen Haltestellen entlang wird der elektronisch gepimpte Soft-Soul zum akustischen Pauschal-Design, aufgemischt von Rap (fürs Prediger-Duell) und, eins-zwei-drei, Solidaritäts-Marsch (für den Bauernaufstand), während eine Pontifikal-Travestie die vatikanische Dekadenz eher anlacht als geißelt. Eine fünfköpfige Rock-Band unter Anleitung des Komponisten (zwei Gitarren, Bass, Drums, Percussions) dreht die Tonspur selbstbewusst auf. Was den Charakter des Jubilars betrifft: Der zergrübelte Idealist, der Kanzel-Magier, der zornige Rechthaber – alles wird musikalisch wie szenisch als Farbtupfer-Sammlung gern genommen, nur vom Antisemiten ist natürlich nicht die Rede, wie sollte man denn dazu tanzen?!
Die handwerklich saubere, in der eigenen Routine verankerte Inszenierung von Werner Bauer lebt von der Magie der Video-Bühne, mit deren raffinierten Projektionen Marc Jungreithmeier am Mischpult rasant Szenenwechsel ohne Umbau-Bremse zaubert. Ganz ernst mag er sich dabei nicht immer nehmen, denn neben Höllenfeuer und Revue-Schaumschlag sind auch Kerker-Ratten und Dorf-Hühner allerliebst im virtuellen Einsatz. Ansonsten verlässt sich die Regie, die der belebenden Zeitsprung-Dramaturgie von Autorin Nina Schneider ebenso vorbehaltlos folgt wie dem Anekdoten-Geländer, an dem sich die gute Gesinnung jederzeit abstützen kann, auf das bestens gecastete Ensemble: Thomas Borchert, eine festen Größe im deutschen Musical-Kreislauf, steht souverän an der Spitze, ein durchtrainierter Ideal-Luther mit Trotz im Blick und Hochdruck auf den Stimmbändern, für den als zölibatsbrechende Ex-Nonne eigentlich nur Sister Act in Frage käme. Immerhin, Navina Heyne greift sich als burschikose Katharina von Bora den verblüfften Martin beim mittelalterlichen Gruppen-Dating für Keuschheits-Verweigerer, und wenn sie dann herzergreifend singt: „Ich gehör zu dir“, dann kann man es keinem Zuschauer verwehren, im eigenen Kopfkino zu ergänzen „…wie die These an der Tür“. Ramin Dustdar ist der geifernde Gegen-Prediger, Oliver Fobe der nette Herzog mit den besten Dialog-Pointen. Kutten-Mönche und Party-Kardinäle werfen die Beine beim Tanzen etwa gleich hoch, das einfache Volk bevorzugt weiterhin festen Tritt bei Marschmusik.
Am Ende, wenn der „Rebell Gottes“ die Rebellion der Menschen nicht verstehen kann, schimmert doch noch ein Hauch von kritischer Distanz durch die Show-Hommage. Im Fürther Stadttheater, wo Intendant Werner Müller in Schwerpunkt-Produktionen seit Jahren immer wieder auf Entertainment als Energiequelle setzt, erhob sich das Premierenpublikum nach freundlichem Applaus schnell zu Standing ovations. Die Luther-Festspiele 2017 haben ihr Vorspiel, für Katholikentage ist die Aufführung nur bedingt geeignet.
