Eine nicht über Nebenrollen hinausgekommene Schauspielerin – ihr Name Anne-Marie Mille tut nicht viel zur Sache – hält Rückschau: auf ihre Kindheit im Kohleort Saint-Sourd-en Ger, wo mit ihrer Begeisterung für die dortige Theatertruppe („Sie waren groß und blass. Anmutig die Füße setzend, wandelten sie über den Boden dahin“) alles anfing. Auf die Begegnung mit der nur zwei Jahre älteren, aber zehnmal berühmteren Kollegin Giselle Fayolle, einer lässigen Diva: ein lebenslang fast unterwürfig bewundertes Spiegelbild. Auf ihr Leben, das im vorgerückten Alter ein sehr einsames geworden ist. Zum einzigen Sohn hat sie kein gutes Verhältnis, die Kollegen sind weggestorben, auch ihr Mann, ein nicht näher in Betracht kommender Ordnungsmensch, zuletzt die geliebte Giselle.
Melancholische Suada
Es ist eine banale Durchschnittsexistenz, die hier in fast zwei Stunden aufgeblättert wird, Robert Hunger-Bühler schleppt sich in Pantoffeln von einem Stuhl zum anderen, klappt hier eine Schranktür auf, nimmt dort eine Fotografie in die Hand, quetscht sich durch eine einsam im Raum stehende Tür. Natürlich vermag ein Schauspieler von seinem Format auch dort zu fesseln, wo Belangloses wie die Beduinen-Party bei Docteur Olbrecht verhandelt wird, wo über die Haare von Brigitte Bardot und verunglückte Frisuren sinniert wird oder über den Hosenrock gelästert, den Giselless Tochter schrecklicherweise bei der Beerdigung ihrer Mutter („sie hasste Hosenröcke“) getragen hat. Und doch fragt man sich gelegentlich, was Yasmina Rezas geheimes Motiv für diese melancholische Suada gewesen sein mag, für diese bittere Bilanz eines glanzlosen Lebens, diese gnadenlose Sicht auf Alter und Vergänglichkeit, aus der nur manchmal ihr Sinn für Komik herausblitzt. Peter Carp hat dieses Kammerspiel mit äußerster Dezenz inszeniert, er überlässt dem Star das Feld – und auch beim tobenden Applaus tritt das dreiköpfige Inszenierungsteam bescheiden zur Seite.
