Foto: Das Wort Gottes kommt durch den Lautsprecher. © Ingo Höhn
Text:Tobias Gerosa, am 4. Oktober 2026
Im Theater Basel ist man mittendrin in Schönbergs „Moses und Aron“ und die alttestamentarischen Fragen werden existenziell: Was braucht’s, um dazuzugehören?
Im Theater Basel ist man mittendrin: In Arnold Schönbergs „Moses und Aron“ sitzen die vereinigten Chöre der Theater Basel und Freiburg verteilt im Publikum. Plötzlich schmettert ein Sopran direkt hinter einem ihren Hohn für diesen seltsamen, neuen und unsichtbaren Gott direkt ins Ohr oder der nette Sitznachbar entpuppt sich als Tenor, der gegen den lächerlichen Propheten Moses und sein Sprachrohr und Bruder Aron hetzt. Als Publikum wird man Teil dieses Volkes, das hier durchaus heutig ist. Das machen die beiden Regisseure Benedikt von Peter und Felix Rothenhäusler unübersehbar. Sie zeigen das ziemlich theoretische, wortlastige Stück dafür mehr philosophisch als religiös.
Gott über Lautsprecher
Dabei beginnt alles ur-theatral: Ein Theatermacher – der großartige Walter Hess als Moses – schlendert auf die leere, weiße Bühne. Aus seinem Thespiskarren, einem einfachen Bollerwagen, holt er einfache Requisiten und sein Hirtenkostüm, bevor er den Hauptschalter umlegt und offenbar sein Spiel beginnt.
Aus dem Off spricht Gott da mit ihm, eine Stimme zusammengesetzt aus mehreren Stimmen. Die Partitur sieht für diese Stimme aus dem Dornbusch den Chor vor. Im Theater Basel nun rückt die Regie den Text in den Vordergrund. Gott wird technisiert durch einen Lautsprecher, allerdings rückt auch die Musik aus dem Fokus, und das, obwohl das Basler Sinfonieorchester unter André de Ridders plastischer Leitung immer gut sichtbar hinter der Bühne auf einem dreistöckigen, regalartigen Gerüst platziert ist.
Technisiert und verfremdet erscheint auch Aron. Rolf Romei singt ihn lyrisch und belcantesk, mit guter Textverständlichkeit (leider verlassen ihn am Schluss der sehr fordernden Partie die Kräfte). Er steht dafür mit dem Orchester auf dem Gerüst und steuert per Joystick einen überdimensionierten Lautsprecher auf der Bühne. Je nach dessen Position hört man Romei direkt oder verstärkt durch den großen Schalltrichter. Moses steht also verfolgt von einer Lautsprechermaschine buchstäblich dem riesigen Chor gegenüber, den er von diesem ganz neuartigen Gott überzeugen muss, woran er verzweifelt, weil der Gedanke eines unsichtbaren Gottes kaum zu vermitteln ist.
Wüste als Wunschlosigkeit
Das überzeugt in seiner konzentrierten Einfachheit, weil Hess sowohl den musikalischen, rhythmisch genauen Sprechduktus trifft, der nicht ohne gewisses Pathos funktioniert, dabei aber das Kunststück schafft, menschlich anrührend zu sein: Immer mehr Zweifler als Eiferer. Bewegend wird das im von Schönberg unvertonten dritten Akt, der hier zu einer kurzen Schauspielszene wird, die noch offener wirkt als das berühmte „O Wort, das mir fehlt“ mit dem langen Geigenunisono am Schluss des zweiten Aktes. Theatermacher Moses räumt seine Requisiten zusammen – und fragt in die Runde, die vierte Wand, die an diesem Abend nie stehen sollte und nie stand, nochmals überwindend: „Bist du bereit für die Wüste?“

Walter Hess als Moses. Foto: Ingo Höhn
Diese Wüste, die Moses als „Wunschlosigkeit“ bezeichnet und die ein Raum wäre, der ohne Ein- und Ausgrenzung, ohne „Wir gegen die“ auskommt, der eben kein goldenes Kalb braucht, um den Gedanken zu materialisieren. Ihre Regie auf diese ebenfalls ziemlich theoretisch-philosophischen Gedanken auszurichten, ist mutig von den beiden Regisseuren, von Peter und Rothenhäusler, und gelingt über weite Strecken.
Schwächelnder Abgang
Ausgerechnet im eigentlich theatralischsten Mittelteil, in dem die Israeliten über dem langen Warten auf Moses und seine Gesetze das goldene Kalb brauchen und in eine wüste Orgie verfallen, fällt die Spannung ab. Zwar lässt Olaf Breuning, der so oft ironische Schweizer Künstler, hier als Kissen verfremdete moderne goldene Kälber vom Himmel fallen – riesige Handys oder Geldsäcke, miniaturisierte Luxuskarossen oder auch Ladekabel –, wie der auch hier sehr engagiert mitgehende Chor diese erst als Sexspielzeuge, dann als Schlaginstrumente benutzt, bleibt als Bild viel zu lang unverändert und platt. Zudem: Auch Schaumstoffkissen machen Lärm, der das Orchester überdeckt und ablenkt.
Das ist neben der lahmen Orgie der wichtigste Einwand: Die Musik rückt ob der Aktivitäten des hervorragenden Chores im Zuschauerraum auch akustisch immer wieder aus dem Fokus, wie schon im Basler Ring mit dem Orchester unter der Bühne gerät die musikalische Balance aus dem Gleichgewicht.
Da ist zu hoffen, dass die Inszenierung spätestens für die Übernahme nach Freiburg im März dann noch nachgebessert wird. Die Theater sprechen von einer gemeinsamen Produktion, man habe viel enger zusammengearbeitet als bei einer normalen Koproduktion – beide hätten das Stück allein nur schon wegen der Anforderungen an den Chor alleine nicht stemmen können.