Es ist eine Inszenierung, die an ihrer Vergegenwärtigung-Absicht nicht rütteln lässt. Szene für Szene blättert die Aufführung weitere Variationen der Trostlosigkeit auf, versagt sich – wenn der Wozzeck seine Marie ersticht – sogar den poetischen Schwenk zum roten Mond über dem See. Zitiert wird Natur nur als bedrohliche Gewitterwolke hinter der Häuserkulisse. Am Ende, wo das Waisenkind sein „Hop-Hop“ gegen das unbeherrschbare Unheil ansingt, mögen manche Zuschauer die Rückkehr zur erstarrten Stille erwartet haben. Schmiedleitner misstraut solch offener Deutung und lässt den Kinderchor die eben zusammengebrochene Erwachsenen-Welt einfach weiterspielen, die nächste Generation in den ewigen Kreislauf einbiegen als wäre nichts gewesen. Pessimistischer geht es gar nicht. Nur die Idee, Wozzeck und Marie im Tode vereint auferstehen und für die Ewigkeit auf dem Ikea-Sofa Platz nehmen zu lassen, hält dagegen. Kitsch als Ausweg.
Das Debüt von Jochen Kupfer in der Titelpartie des Anti-Helden ist musikalisch auf Anhieb ein Meisterstück. Der Sänger erfühlt und erfüllt die vokalen Schwünge und Brüche traumhaft, spiegelt die stilisierte Künstlichkeit auf kluger Sprach-Energie (in gut sortierten Haushalten vergleicht man anschließend gerne mit dem Griff nach Dietrich Fischer-Dieskau) und bietet unwiderstehliches Hörbild. Als Darsteller kann er sich dem Autisten mit aus der Hose hängendem Hemdzipfel, den die Regie anordnete, nur diskret annähern. Die hochdramatisch flackernde Katrin Adel gibt der Marie etwas zu wenig von ihrer irrationalen Sehnsucht, die Tenöre Hans Kittelmann und Tilmann Unger schmettern als Hauptmann und Major auch entmilitarisiert angemessen aggressiv. Den Jeans-Boy Andres mit dem angewachsenen Kopfhörer lässt Ilker Arcayürek noch im heftigsten Dissonanzen-Tumult entspannenden Disco-Sound finden. Wozzecks junger Freund hat es gut, er kann das Glück einstöpseln.
Dank Gábor Káli am Pult der Staatsphilharmonie stellt sich die Frage, ob Alban Berg dem radikalen Bilderwechsel widerspricht, überhaupt nicht. Der Dirigent durchleuchtet die hochkomplexe und weit über allen Dekorations-Handgriffen schwebende Partitur mit denkbar größter Selbstverständlichkeit, umspielt die stabile Szene wunderbar mit zauberischer Transparenz und bleibt allenfalls etwas von der gleißenden, beißenden Schärfe des Klangs schuldig. Die Travestie der Volksmusik knattert in abgemildeter Querschlagkraft dazwischen, die Doppelung der szenischen Deutlichkeiten ist Kális Sache nicht. Dass der mutwillige Bildersturm so souverän aufgefangen, verarbeitet und schließlich mit einhelligem Beifall quittiert wurde, geht mit großem Anteil aufs Orchester-Konto.
