Verglichen mit der CD-Aufnahme von 2007 hat die Musik an Kraft, Dynamik, vor allem an Trennschärfe noch gewonnen. Der Komponist, vor allem der Klangdesigner Goebbels legt hier vielleicht seine stärkste Arbeit vor, fantastisch austariert im sich Durchdringen von Analogem und Digitalem. Diese Musik ist so stark, trägt soviel szenische Kraft in sich – selbst wenn das Ensemble Modern einfach mit vermummten Gesichtern in Orchesterformation auf der Bühne sitzt -, dass der Regisseur Goebbels es nicht leicht hat, die sonderbar deutlich vorgegebenen theatralischen Räume zu füllen. Dazu kommt die Flut, die dreisprachige Wucht der Texte, die dem überforderten Zuseher und –hörer schon mal in Klang und Graphem zerfallen, so dass er nicht in der Lage ist zu unterscheiden, ob gerade ein tiefer Gedanke geäußert oder die Abwesenheit eines solchen verhüllt wird. Es ist eine große Stärke dieser Theaterarbeit, dass die Intensität und Schönheit von Bild und Klang geistige Nachforschungen in dieser Richtung obsolet machen.
Wenn es in diesem totalen, sinnlichen, vollkommen fließenden Weltkulturtheater überhaupt einen blinden Fleck gibt, dann ist es das Fehlen theatralischer Entfaltung unterhalb der Eleganz. Die perfekten Anordnungen der Regie, der perfekt ausbalancierte Klang, die ökonomische, stimmige, exquisite Ausstattung postulieren einen Traum von reiner Schönheit. Aber ist die wirklich erfahrbar ohne eine Gegenposition, ohne zumindest ein Aufflackern von Hässlichkeit, Dreck, Unordnung? Müsste eine brennende Stadt, auch wenn es sich nur um ein Holzmodell handelt, nicht zumindest einen Moment wirklichen Schmerzes bereiten, bereiten wollen? In der wunderbar rotzigen Energie, mit der sich David Bennent über längere Strecken durch den Abend bewegt, liegt vielleicht ein Hinweis, wie sich diese gelebte Vision in drei oder zehn Jahren präsentieren könnte.
