Diana Salles in „Delusional – I Killed a Man“ bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen. Eine Frau hängt, ein langes rotes Tuch um sich gewickelt, Kopf und Gliedmaße hängend in der Manege und wird in rotes Licht getaucht.

Zirkusrevival auf der Bühne

Zeitgenössischer Zirkus taucht immer häufiger in den Programmen von Theaterfestivals wie zuletzt bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen auf: über ein großes Vergnügen irgendwo zwischen Tanz und Objekttheater.

Am Fuße des grünen Festspielhügels in Recklinghausen steht ein kleines Kuppelzelt, das die auftretenden Künstler:innen selbst erdacht und gebaut haben. 94 Zuschauende finden hier Platz, die Spielfläche ist ein Steg in der Mitte. Das Stück heißt „Symbiosis“, ebenso wie der Name des Duos von Jongleur Kolja Huneck und Schleuderbrett-Artist Luuk Brantjes. Es beginnt langsam. Brantjes beobachtet lange von der Kuppel des Zelts, wie Huneck Vinylschallplatten mit einem Spielzeugauto – mittels charmanter Theatertricks – Musik entlockt und mit ihnen jongliert. Die zwei Künstler begegnen sich kaum im Spiel. Huneck gestaltet in sich versunken sein Material, Brantjes turnt überraschend langsam am Schleuderbrett. Trotzdem entsteht ein Gegensatz zwischen Betrachter und Macher, aus einem ganz eigenen Rhythmus, der fesselt.

Objekte in Bewegung

Auch Julian Vogel in „Ceramic Circus“ beim Circus Dance Festival in Köln startet langsam. In seinem Solostück geht es um Objekte in Bewegung, er baut einen Versuch auf, installiert ein Pendel, einen großen Ball an einem Drahtseil. Dann trommelt er sehr lange. Irgendwann versetzt der Luftzug das Keramikpendel in Schwingungen. Nun versucht Vogel vergeblich, Fahrrad und Rollschuh zu fahren. Das Pendel stört mit seiner Regelmäßigkeit, seinem Tempo und Rhythmus die Kreise des Menschen, der zum Gejagten wird. Schließlich versucht Vogel, im Raum verteilt sechs Porzellanteller auf Jonglierstangen zu installieren, immer wieder, schließlich mit Hilfsmotoren, die er auch noch verkabeln muss. Er verheddert sich mehrmals oder muss plötzlich die Richtung wechseln. So entsteht ein Live-Slapstick ohne Skript, der wirklich komisch ist. Als die Teller endlich ausbalanciert sind, ruht er aus und muss zusehen, wie seine Jonglage-Installation durch den Luftzug des Pendels zerstört wird.

Julian Vogel in „Ceramic Circus“ beim Circus Dance Festival in Köln.

Julian Vogel in „Ceramic Circus“ beim Circus Dance Festival in Köln. Foto: Franzi Schardt

Tempo und Rhythmus sind offenbar ständige Themen des Zeitgenössischen Zirkus, besonders die Langsamkeit. Und eben der Rhythmus, der regelmäßige Pulsschlag des Individuums. Aber es kann auch um Haltung gehen: In „Delusional – I Killed a Man“ spiegelt die brasilianische Artistin Diana Salles bei den Ruhrfestspielen ihre eigene Situation: Eine Transfrau, die Schwierigkeiten hat, sich in Frauenrollen zu fügen. Das wird zu einer sehr lebendigen Choreografie mit Tanz, Techno-Elementen und einem großen Solo am Vertikaltuch, mit gesprochenen Worten („I never really killed a man“) am Schluss, um die Authentizität aufzubrechen und zu verstärken.

Eine Erzählung ohne Sprache

Eine Erzählung wird auf der Bühne gezeigt, aber ohne jedes Theaterspiel, ohne Figuren, Rollen, also ohne jedes „Als-ob“, und fast ohne Sprache. Die Beziehung zwischen Raum, bespieltem Material und den Körpern der Mitspielenden tritt in den Mittelpunkt, gesteuert und unterstützt von Kostümen, Licht und Musik, die oft sehr einfach gehalten sind.

Kolja Huneck in „Symbiosis“ bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen. Ein Mann macht einen Handstand. Ein Arm steckt in einem nassen Erdhaufen, der andere Arm in einer kleinen Schubkarre.

Kolja Huneck in „Symbiosis“ bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen. Foto: Lily Schlinker

Alle diese drei gesehenen Produktionen sind verständlich und begeistern ihr Publikum, das weniger intellektuell wirkt als ein „normales“ Theaterpublikum. Alle drei haben einen frischen, authentischen Charme, eine direkte Einfachheit und persönliche, fast allgemeinmenschliche Themen und Haltungen. Trotzdem sind sie hochpolitisch. Vielleicht ist es kein Theater, aber ein Vergnügen ist es in jedem Fall: auf hohem professionellem Niveau, verwandt zum Tanz auf der einen und Objekttheater auf der anderen Seite.

Keine Pferde, keine Clowns

Der Zeitgenössische Zirkus ist keine neue Kunstform. In den 70erJahren des 20. Jahrhunderts geriet der traditionelle Zirkus in eine Krise, Tierschützer bezweifelten öffentlich die tiergerechte Haltung in Zirkussen, dadurch wurde das öffentliche Ansehen der Institution herabgesetzt. Artisten in Frankreich taten sich zusammen und gründeten die Bewegung Cirque Nouveau. Hier wurde mit artistischen Mitteln erzählend gearbeitet, ohne Sprache eine Geschichte erzählt. Der französische Kultusminister Jack Lang förderte die neue Kunstrichtung, und im Jahr 1987 entstand die erste Hochschule für Zeitgenössischen Zirkus.

Die Bewegung breitete sich aus, nach Kanada, in die Beneluxländer und nach Skandinavien, mit wichtigen Hochschulen in Stockholm und Brüssel. In Deutschland gibt es Institutionen wie das LATIBUL in Köln, das, vom Land NRW gefördert, Übungsleiter für Zeitgenössischen Zirkus ausbildet und Kurse und Workshops zu Grundlagen des Zeitgenössischen Zirkus anbietet, auch für Kinder. Hochschulen oder sonstige Ausbildungen für Zeitgenössischen Zirkus gibt es in Deutschland nicht, trotzdem findet das Genre auch hier immer mehr Publikum.

Wo gibt es in Deutschland zeitgenössischen Zirkus?

Es gibt nur ein Theater, das Chamäleon Theater in Berlin, das ausschließlich Zeitgenössischen Zirkus aufführt. Für Repertoiretheater ist er nicht einfach zu programmieren: Es braucht intime und besonders hohe Räume, weil die Artisten gerne in der Vertikalen arbeiten. Auch deswegen nehmen Festivals sich in Deutschland der Sache an, Theaterfestivals wie die Ruhrfestspiele, die in diesem Jahr sechs Produktionen des Zeitgenössischen Zirkus angeboten haben, oder das Kunstfest Weimar, erstmals auch die Kunstfestspiele Herrenhausen. Oder aus dem Zirkus selbst entstandene Festivals wie das Tollwood-Festival München, das Atoll Festival in Karlsruhe oder das Circus Dance Festival in Köln.

Der Zeitgenössische Zirkus boomt, die Veranstaltungen sind sehr gut besucht. Vielleicht weil diese Kunst niederschwellig ist: Es werden keine Vorkenntnisse verlangt, deshalb gibt es auch keine Publikumshierarchien. Offenheit reicht aus, um zu verstehen. Es herrscht eine Art Unmittelbarkeit, den Rhythmus, das Tempo, die Individuen sind direkt zu spüren. Es bedarf keiner Sinnsuche, keiner zweiten Ebene. Da steigt Luuk Brantjes in die Kuppel eines Zelts und beobachtet seinen Mitspieler. Und das Publikum sieht staunend nach oben, später, noch faszinierender, beobachtet er verrinnenden Sand. Und man spürt die Spannung im Raum. Diana Salles spielt einen Teil ihres Programms unprätentiös mit nacktem Oberkörper – und redet, eine Regelbrechung, am Ende sehr prätentiös.

Aber beides wirkt echt, von Mensch zu Mensch. Und wenn die Zuschauer Julian Vogel beim „Ceramic Circus“ betrachten, schwindet die Distanz erst am Ende – wenn er ausruht, wofür er ein frisches Hemd anzieht. Wenn sein Versuch zusammenkracht, wenn er das Scheitern zeigt, bedingungs- und bewegungslos – und komisch, dann erst wird er eins mit dem Publikum. Dieses unmittelbare Miteinander ist fast ein Geheimnis – und ein großes Argument für die Kunstform.

Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr.4/2025.

Andreas Falentin Porträt

Andreas Falentin hat als Kind den Zirkus gehasst, besonders die langweiligen Pferdedressuren und die Clowns, die ihm Angst gemacht haben. Jetzt ist er vom Zeitgenössischen Zirkus überzeugt.