Leitungsteam des schauspiel erlangen. Sieben Menschen stehen nebeneinander, vor, neben und zwischen dunklen Säulen.

Theater als Soziale Plastik

Jonas Knecht, neuer Intendant am schauspiel erlangen, steht für experimentelles Theater, das sich zwischen Technik, Musik und existenziellen Fragen bewegt.

Sichtbarer kann ein Intendantenwechsel nicht vollzogen werden. Das älteste bespielte Barocktheater Süddeutschlands hat seit Beginn der Spielzeit einen neuen Namen. Das altehrwürdige Theater Erlangen, dessen 300-jähriges Jubiläum im Jahr 2019 noch groß gefeiert wurde, heißt jetzt schauspiel erlangen. Verantwortlich für die konsequent kleingeschriebene Umbenennung – inklusive eines neuen Designs – ist Jonas Knecht. Der Schweizer ist Nachfolger von Intendantin Katja Ott, die sich nach 15 verdienstvollen Jahren aus freien Stücken in den Theaterunruhestand verabschiedet hat. Der Grund für die Änderung? „Wir wollten einen klaren Schnitt für den Neustart, und schauspiel erlangen hat etwas sehr Selbstbewusstes“, sagte der 52-Jährige bei der Präsentation der Spielzeit im vergangenen Sommer.

Neustart mit Vision

Trifft man sich mit Knecht – T-Shirt, Jeans, Sneaker – in seinem Büro zum persönlichen Gespräch, wird schnell klar, dass es auch künstlerische Gründe für den Wechsel gab. Der Neue möchte mit seinem für ein Haus wie Erlangen doch recht imposanten sechsköpfigen Leitungsteam, das er sich an die Seite gestellt hat, „unkonventionelle Wege“ gehen. Heißt: spartenübergreifende Formate, das Ausloten von Grenzen und interdisziplinäre Projekte, wozu auch Kooperationen mit anderen Theatern gehören. Damit das gelingt, hat er neben seinem Leitungskollegium, zu dem jetzt unter anderem der Hausregisseur Matthias Köhler, die Dramaturgin Natalie Baudy und der musikalische Leiter Albrecht Ziepert zählen, das Ensemble von neun auf elf Spieler und Spielerinnen erweitert. Im Erlanger Ensemble finden sich jetzt auch die Sängerin Laura Dittmann, der Puppenspieler Matthias Redekop und die Tänzerin Marie Hanna Klemm.

Der Ausdruck Schauspieler kommt bezeichnenderweise so gut wie nie aus dem Mund des Intendanten-Novizen, der seine beruflichen Wurzeln in der freien Theaterszene Berlins hat. Anschließend kehrte er im Jahr 2016 in seine Heimatstadt St. Gallen zurück, um am dortigen Theater Schauspieldirektor zu werden.

„Meister und Margarita“ von Michail Bulgakow am schauspiel erlangen. Eine Person mit einer weißen Maske mit Hörnern streckt die Zunge raus und hebt die Arme nach oben. Links spricht ein Mann in ein Mikrophon. Zwischen den beiden steht eine Frau in einem roten Kostum, das ihr Gesicht verdeckt. Rechts kommt eine weitere Person mit einer weißen Maske mit Hörnern. Der Boden ist schwarz, rot, weiß gemustert.

Eine Szene aus „Meister und Margarita“ von Michail Bulgakow am schauspiel erlangen. Foto: Apollonia Bitzan

Die ersten von insgesamt 13 Premieren dieser Spielzeit haben bereits einen Vorgeschmack geliefert, wohin die Reise geht. So gab es in der kleinen Spielstätte des Theaters, der Garage, mit „Mind the Gap“ die erste Koproduktion zu sehen. Gemeinsam mit dem Züricher Kulturhaus Helferei und der transnational arbeitenden KULA Compagnie, die erst im Frühjahr mit dem Preis des Internationalen Theaterinstituts Deutschland ausgezeichnet wurde, fragte man in der mehrsprachigen Performance, was uns Menschen voneinander trennt, und lotete aus, wie ein neues europäisches Einbürgerungsgesetz aussehen könnte. Im Markgrafentheater wiederum wurde es mit Michail Bulgakows teuflischem Roman „Meister und Margarita“ in der Inszenierung von Matthias Köhler gleich überbordend barock. Köhler und sein Regieteam haben die Theatermaschinerie gehörig angeworfen, gleichzeitig lieferte das gesamte Ensemble seinen Einstand.

Offenes Haus, neue Wege

Langfristig schwebt Knecht vor, dass das schauspiel erlangen die Gestalt einer Sozialen Plastik im Sinne von Joseph Beuys annimmt. Mit dieser sympathisch hochtrabenden Vision verbindet er ein offenes Haus, in dem sich die Einwohner der Siemens- und Universitätsstadt sowohl begegnen als auch austauschen können. Sie können das ambitionierte Programm genauso gutheißen wie ablehnen. Zum Repertoire gehören zunächst kaum Theaterklassiker – und wenn, werden diese neu erzählt, wie in dem Ibsen-Remix „Nora oder Wie man das Herrenhaus kompostiert“ von Sivan Ben Yishai.

Wichtig ist dem Intendanten vor allem die Rückkopplung, das Gespräch. Dafür hat das ganze Team jederzeit ein offenes Ohr. „Das breite künstlerische Leitungsteam am schauspiel erlangen hilft beim Bau der Sozialen Plastik, wie sie mir vorschwebt“, erklärt Knecht in seinem kleinen Büro. Das große Intendantenbüro hat er ans Kollektiv abgetreten – und fügt hinzu: „Damit sie eine charakterstarke Figur wird und nicht nur ein Klotz, der kein Gesicht hat.“

Amt 44

Die ästhetische Handschrift von Jonas Knecht werden die Zuschauer erstmals Ende Januar kennenlernen. Da inszeniert er auf der großen Bühne des Markgrafentheaters das Stück „Beyond – Wie Licht entsteht“ von Andreas Schäfer. Bis dahin aber lag der Schwerpunkt seiner Arbeit auf den vielfältigen Leitungsaufgaben, die in Erlangen überdies eine Besonderheit haben. Offiziell ist das Theater nämlich das Amt 44 der Stadt Erlangen und somit Jonas Knecht nicht Intendant, sondern Amtsleiter, was für ihn durchaus gewöhnungsbedürftig ist. „Das frage ich mich oft: Ist ein Theaterbetrieb überhaupt kompatibel mit dem eines Amtes?“, sagt er, hält inne und schaut einen fragend an, um schließlich sein helles Lachen hinterherzuschicken, wie er es sehr gerne nach einer längeren Ausführung macht.

Intendant des schauspiel erlangen, Jonas Knecht, der ein dunkelrot kariertes Hemd an hat und die Ellenbogen auf den Knien abstützt, die Hände sind gefaltet.

Intendant Jonas Knecht. Foto: Ludwig Olah

Um nicht zwischen Leitung und Probenarbeit aufgerieben zu werden, hat sich Knecht bewusst dagegen entschieden, die Spielzeit mit einer eigenen Inszenierung zu eröffnen. Dass es ihn jedoch juckt, endlich wieder seiner Kreativität freien Lauf zu lassen, kann er nicht verhehlen. Was den regieführenden Intendanten vor allem interessiert, ist der Wechsel zwischen Sprache und Musik: „Wo wird Sprache zur Musik und Musik zur Sprache?“ Komponisten, Sounddesigner, Musiker liefern bei ihm nicht bloß einen Titel ab, der dann der rein musikalischen Untermalung der Aufführung dient, sondern sind von Anfang an Teil des Entstehungsprozesses.

Experimentierfreudiger Stil

Als typisch für den experimentierfreudigen Stil von Jonas Knecht können Projekte wie „Alpinarium“ gelten, bei dem das Publikum einst im wahrsten Sinne in den Schlaf gewiegt wurde. Im Rahmen des 5-jährigen Jubiläums der Schlossmediale im Schloss Werdenberg wurden die Besucher eingeladen, in Betten zu übernachten, in die Knecht Lautsprecher einbauen ließ. In dieser Hörlandschaft konnten sie dann Frauenbiografien aus dem alpinen Raum lauschen, in denen es um Heim- und Fernweh, Weggehen und Ankommen ging. Oder die gefeierte Inszenierung von Tennessee Williams’ Drama „Endstation Sehnsucht“ aus dem Jahr 2019 am Theater in St. Gallen, in der die waidwunden Figuren in einen von Livekameras beobachteten Wohnwagen gepfercht wurden.

Theater in der Garage am schauspiel erlangen. Schwarzer Bühnenboden in der Mitte, umrandet von samt-roten Zuschauersitzen.

Theater in der Garage. Foto: Alexandra Lill

Das Stück, das die zerbrechliche Psyche seiner Charaktere in einer von Gewalt und Begierde geprägten Umgebung untersucht, wurde durch diese filmische Inszenierung auf neue Weise erfahrbar gemacht. Hinterher konnte das Publikum nicht mehr unterscheiden, ob es im Theater oder im Kino gewesen ist. Zuletzt vor vier Jahren die Verwandlung von Wolfram Lotz’ irre gutem, irre bösem Hörspieltext und Theaterstück „Die lächerliche Finsternis“ in ein „Szenisches Konzert“ mit drei Musikern, das die Zuschauer im Schauspielhaus Zürich über weite Strecken via Kopfhörer verfolgen konnten. Mitverantwortlich für das Konzept waren der Sounddesigner Albrecht Ziepert und der Bühnenbildner Markus Karner, die beide nun auch in Erlangen sind.

Technik als Ursprung der Kreativität

Die Begeisterung von Jonas Knecht für Technik, aus der sich letztlich auch seine Lust am Spiel mit theatralen Formen speist, hat ihren Ursprung in der Jugend. Eine Freundin der Familie, die im St. Galler Figurentheater spielte, nahm den Jungen mit hinter die Bühne. Er war gleichermaßen von dem Puppenspiel wie von der Technik fasziniert, wuchs langsam in das Haus hinein, machte hier die Beleuchtung, spielte da mit. Es folgten: ein Studium der Elektrotechnik und ab 1999 der Puppenspielkunst und Regie an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“. Knecht ist jemand, der gerne selbst Hand anlegt, auf Leitern steigt, Kabel lötet. „In St. Gallen“, erzählt er, „hatte ich mehrere Kisten mit Mikrofonen, Kabeln und Lautsprecherboxen unter dem Tisch stehen. Das kann hier auch alles passieren.“

Markgrafentheater des schauspiel erlangen. Blick in den leeren Zuschauerraum in goldenem Licht. Roter Bestuhlung im Parkett, Hochparkett und zwei Rängen.

Markgrafentheater des schauspiel erlangen. Foto: Jochen Quast

Wer nun denkt, seine Inszenierungen lebten allein von ihrem technisch musikalischen Aufwand, irrt jedoch gewaltig. Für Knecht müssen immer lebenspralle Figuren hinzukommen, „die ein existenzielles Problem“ haben. Daher wird auch die erste Inszenierung „Beyond“ aus zwei Teilen bestehen. Im ersten disputieren zwei Menschen über Leben, Tod und Gott. Im zweiten werden dann Klang, Laser und Video die Regie übernehmen. So soll den Zuschauern die Möglichkeit gegeben werden, über die aufgeworfenen Fragen zu reflektieren. Vielleicht aber auch einfach nur darüber nachzusinnen.

Im Frühjahr und Sommer inszeniert Knecht dann noch zwei weitere Male. Zum einen ein Stück nach Motiven aus dem Roman „Ewig Sommer“ von Franziska Gänsler und zum anderen eines nach Texten von Händl Klaus, das den Titel „Prosa für Elisabeth“ tragen wird. Aufführungsort: ein umgebauter Schiffscontainer im öffentlichen Raum.

Jonas Knecht, geboren 1972 in St. Gallen, studierte Elektrotechnik und arbeitete als Telekommunikationsingenieur. Er absolvierte ein Studium der Puppenspielkunst und Regie an der Hochschule „Ernst Busch“ Berlin, wo er die Produktionsplattform theater konstellationen gründete. Im Anschluss war er als Regisseur tätig. Von 2016 bis 2023 war er Schauspieldirektor am Theater in St. Gallen und im Herbst 2024 übernahm er die Intendanz am schauspiel erlangen. Seine Inszenierungen zeichnen sich durch experimentierfreudige Ansätze und eine poetische Theatersprache aus, die Elemente von Sprechtheater, Musik und Performance verbinden.

Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr.1/2025.