Bochum zwischen Fiktion und Non-Fiktion

Bei der Premiere von „Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten” kam es am Schauspielhaus Bochum zu einem Eklat: Zuschauer störten mit Buhrufen den finalen Monolog von Schauspieler Ole Lagerpusch und zerrten ihn wegen eines radikalen Faschisten-Monologs von der Bühne. Das hat eine Debatte über Provokation im Theater ausgelöst. Unser Autor Martin Krumbholz reflektiert die Lage zwei Wochen danach.

Irgendwie hat man es kommen sehen. Aber so? Tumulte im Publikum, Pfiffe, „Aufhören“-Rufe, die nicht aufhörten, ein einsamer Schauspieler, der beharrlich fortfuhr, solang man ihn ließ; schließlich Zuschauer, die auf die Bühne stürmten und den Abbruch der Vorstellung erzwingen wollten. Auch schon bei früheren Aufführungen des Stücks „Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten“ hatte es Proteste gegen den Monolog gegeben, mit dem das Stück endet. Unberechenbares audience behaviour. Hat der Autor, Tiago Rodrigues, den Skandal bewusst provozieren wollen, indem er dem „Faschisten“, der soeben seiner Hinrichtung durch eine portugiesische Anarchistenfamilie entgangen ist, das letzte Wort lässt? Aufgrund einer „Tradition“, so will es der Plot, entführt die Familie alljährlich einen rechten Politiker, um ihn umzubringen; aber diesmal kommt es anders, da das jüngste Mitglied der Familie rebelliert.

Fragen der Deutung

Das Bochumer Ereignis wirft viele Fragen auf und lässt verschiedene Deutungen zu. Die 19. und letzte Szene des Stücks ist fünf Seiten lang, nur eine Person spricht: Romeu, der Politiker, der bis dahin kein einziges Wort gesagt hat, nun aber (es wird nicht explizit gesagt) befreit wurde. Er beginnt seine Rede mit dem Appell, an „dieses Land (zu) glauben“ (d.i. Portugal), an „unsere Kultur, unseren Gott“. Ethnische und religiöse Minderheiten seien dabei als „Hindernisse“ zu betrachten, die man „aus dem Weg räumen“ müsse. Es folgt ein Loblied auf die Polizei, „Eliten und Minderheiten“ dürften „unsere Sicherheitskräfte (nicht länger) verunglimpfen“. Dann ein Schwenk auf das Thema Feminismus. „Wenn sich die Frau anständig verhält“, so wörtlich, und sinngemäß: gebe es keinen Grund für häusliche Gewalt. Diese hinterlistig formulierte Bemerkung ist zugleich die infamste in einem überhaupt recht hinterlistig angelegten Monolog.

Also: ein ziemlich unangenehmer Inhalt, rechtspopulistisches und rechtsextremes Gerede; reproduziert wird die Agenda, die man von Le Pen, von Farage oder von der AfD kennt. Unverhohlen zu einem gewaltsamen Regimewechsel aufgerufen wird allerdings nicht. Die Inszenierung von Mateja Koleznik scheint sich vorsichtig von einer zu eindeutigen Lesart des Textes zu distanzieren: Die zunächst hermetische Bühne aus Holzwänden rückt das Geschehen in die größtmögliche Ferne, das Kostümbild (schwarze Kleider, schwarze Hüte) erzeugt unübersehbar die Anmutung einer Sekte.

Skandalisierung der Premiere

Anlässlich der Skandalisierung der Aufführung bei der Premiere am 14. Februar am Schauspielhaus Bochum durch Teile des Publikums stellen sich nun strukturelle Fragen. Zunächst einmal die: Was für ein Ort ist das Theater? Ist das Theater ein offener Diskursraum, in dem jeder mit seiner Eintrittskarte das Recht erworben hat, jederzeit seine Affekte, Befindlichkeiten und Meinungen kundzutun, auch auf Kosten der Integrität einer Aufführung oder sogar der Gesundheit eines beteiligten Schauspielers? Anders gefragt: Ist das Theater so etwas wie eine moralische Anstalt mit Gegenverkehr? Oder noch anders: Ist das traditionsreiche Schauspielhaus Bochum ein Kasperletheater, bei dem die Zuschauenden, meistens Kinder, die ehrenvolle Aufgabe haben, das Kasperle lautstark vor dem aus der Kulisse tretenden Krokodil zu warnen?

Oder aber ist das Theater, was die Trennung zwischen Guckkasten und Zuschauerraum nahelegt, ein Ort für die Kunst, an dem die Kunst-Ausübenden, Schauspieler und Schauspielerinnen, sicher sein können, dass sie in ihrem Rollenspiel nicht unterbrochen oder gar physisch attackiert werden? Ist nicht eine strikte Trennung zwischen dem Akt der Ausführung eines Dramas, eines szenischen Textes einerseits und dessen Rahmen, also Parkett und Foyer andererseits erforderlich, nicht zuletzt, um anschließend den integralen Kunst-Akt angemessen würdigen zu können?

Das Dilemma: zwischen Zorn und Selbstjustiz

Das Stück von Tiago Rodrigues thematisiert, schon der ironische Titel („Schönheit“!) deutet das an, das Dilemma zwischen gerechtem Zorn und der Problematik der Selbstjustiz. Es ist nicht „schön“, jemanden zu töten, und zumindest eine der auftretenden Figuren, Sara, weist nach längerem Ringen darauf hin. Ihr war von den Älteren die Aufgabe zugewiesen worden, den Gefangenen zu erschießen, und sie weigert sich schließlich. Mit subjektiven Gründen zwar, aber warum sollte nicht ihr Standpunkt, die entschiedene Verwerfung der Selbstjustiz, die plausibelste im ganzen Diskurs sein?

Die Teile des Bochumer Publikums, die bei der Premiere am 14. Februar den Abbruch der Aufführung erzwingen wollten, ohne Rücksicht auf andere Teile des Publikums, die das nicht wollten, haben nicht preisgegeben, wie sie zur Frage der Selbstjustiz stehen und ob sie es im Ernst „schön“ finden, einen Menschen zu töten. Sie haben lediglich preisgegeben, dass sie die demagogische, unangenehme Rede des Rechtsextremisten nicht ertragen wollten. Indem sie eine unliebsame Stimme ausschalteten oder auszuschalten versuchten, ließen sie keine Zweifel an der Angemessenheit ihres Standpunkts zu, obwohl doch der Zweifel („Im Zweifel für den Zweifel“ heißt ein Song der Band Tocotronic) das Kernthema des Stücks ist – und nicht etwa die Plausibilität der Argumente des „Faschisten“.

Wieviel Meinungsklima ertragen wir?

Gesellschaftspolitisch gesehen, spiegelt der Vorfall in Bochum eine Tendenz, die man eine Verfeindlichung des Meinungsklimas genannt hat, eine gereizte und aggressive Abneigung dagegen, sich entgegengesetzte Standpunkte auch nur anzuhören. Ob man sich also über die „Vitalität“ eines Theaters freuen sollte, das Reaktionen wie die beschriebenen hervorzurufen vermag, ist denn doch die Frage.

Angela Obst, stellvertretende Bochumer Intendantin, kam am Premierenabend zum Applaus (ja, den gab es) auf die Bühne, um das Publikum freundlich daran zu erinnern, dass Ole Lagerpusch ein Schauspieler, nicht mit seiner Figur zu verwechseln sei und dass man seine Person doch bitte vor Angriffen verschonen möge. Zwei Wochen nach der Premiere bekundet Angela Obst am Telefon ein gewisses Verständnis für den Effekt der Emotionalisierung des Publikums, wenn auch natürlich nicht für darüber hinaus gehende Übergriffe. Bei der dritten Vorstellung (am 1. März) sei der Monolog störungsfrei über die Bühne gegangen. Es sei inzwischen ein Security-Dienst engagiert, und nach den Vorstellungen würden regelmäßig Publikumsgespräche angeboten.

Dass Rodrigues den Monolog an das Ende des Stücks gesetzt hat, wirke auf manche im Publikum skandalös, sei aber dramaturgisch zwingend. 2020 geschrieben, entwerfe „Catarina“ eine „in naher Zukunft“ angesiedelte Geschichte, das rechte Lager habe die Regierung übernommen und stehe davor, die demokratische Verfassung abzuschaffen, ein Ausblick, der in Europa längst beunruhigend real ist. Der Autor „erlöse“ die Zuschauerschaft eben nicht durch einen friedlichen, versöhnlichen Schluss, sondern provoziere zur Reaktion.

Theater kann man nicht wegklicken

Zum Inhalt des Monologs befragt, erkennt auch Angela Obst darin eher rechtspopulistische und rechtsextreme Tendenzen, in einem smarten Sound vorgetragen, und keinen lupenreinen „Faschismus“, obwohl die Figur, schon im Titel, als Faschist markiert werde. Diesen Sound kenne man mittlerweile gut, er sei in den letzten Jahren zunehmend in parteipolitischen Reden jenseits der Rechtsradikalen, in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Hier im Theater „kann man es ja nicht wegklicken“, was einen stört, sagt Obst, weil man eben im Theater sitzt und nicht zu Hause vor dem Endgerät. Die Zerrissenheit unserer Gesellschaft spiegele sich damit im Zuschauerraum wider – nur sei es ja so, dass auf der Bühne mit fiktiven Figuren Fragen gestellt würden, die in der Realität beantwortet werden müssten.

Subtilitäten wie der Unterschied zwischen Fiktion und Non-Fiktion werden in einer erhitzten Debattenkultur gelegentlich ignoriert. Man stelle sich vor, zu einer der folgenden Vorstellungen erschienen AfD-Gefolgsleute, die dann konsequenterweise dem Monolog ihres Gesinnungsgenossen applaudieren müssten, während die politisch korrekte Mehrheit im Saal ihn auspfiffe. Lebendiges Theater? Vielleicht wäre es eher ein Theater zur Demonstration von Ambiguitätsintoleranz.