Aufführungsfoto von „Bungalow“ nach Helene Hegemann am Düsseldorfer Schauspielhaus mit Lea Ruckpaul als Charlie. Auf dunkler Bühne sitzt eine junge Frau zwischen hell angeleuchteten Holzbalken.

„Genie im Theater ist gleich Empathie“

Einfühlungsvermögen ist für Lea Ruckpaul ein Schlüssel zur Schauspielkunst. Wie reagiert sie auf die Krise – sowohl auf die Pandemie mit ihren Abstandsgeboten wie auch auf die Rassismusvorwürfe gegenüber ihrem Theater, dem Düsseldorfer Schauspielhaus? Wir bringen zu dieser Frage ein Porträt und das Dramolett „Auf der Suche nach F“ der 34-Jährigen.

Im November 2011 wurde Robert Koalls Bearbeitung von Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ in der kleinen Studiobühne des Staatsschauspiels Dresden uraufgeführt. Die Leipziger Schauspielstudentin Lea Ruckpaul spielte darin ein verwahrlostes Mädchen mit blühender Phantasie und fügte sich mit ihrer Leistung, wie ich damals schrieb, „hervorragend in das starke Ensemble ein“. Für die Inszenierung wie für die Bearbeitung begann mit dieser Inszenierung ein beispielloser Erfolg: „Tschick“ schnellte lange und ausdauernd an die Spitze unserer Werkstatistik, die Dresdner Inszenierung von Jan Gehler wurde bald ins Kleine Haus transferiert und noch einige Jahre erfolgreich weitergespielt. Und Lea Ruckpaul wurde in der folgenden Saison von Wilfried Schulz ins Ensemble des Theaters aufgenommen. Sie wechselte dann ans Schauspiel Stuttgart und kam 2018 nach Düsseldorf, wo Schulz inzwischen Intendant geworden war (wieder mit dem Chefdramaturgen Robert Koall).

Immense Verwandlungskraft

Die damals 24-jährige Schauspielerin wirkte in „Tschick“ äußerlich durchaus glaubhaft wie ein Mädchen von 14 Jahren. Sie strahlte dabei für ihr Alter andererseits schon eine große Bühnenpräsenz aus, agierte präzise und einfühlsam in der Rolle der vielschichtigen Figur. Seitdem spielte Lea Ruckpaul nicht nur die Isa in der nächsten Herrndorf-Bearbeitung „Bilder deiner großen Liebe“, sondern auch Ophelia, Emila Galotti, Antigone oder Irina (in den „Drei Schwestern“), ebenso (in Stuttgart) Gott und Gretchen in einem „Faust“. In der Helene-Hegemann-Uraufführung „Bungalow“ von 2019 am Schauspielhaus Düsseldorf zeigte sie als Erzählerfigur Charlie, wie sehr sie mittlerweile eine gesamte Inszenierung zusammenzuhalten vermag.

Aufführungsfoto von „Tschick“ von Wolfgang Herrendorf am Staatsschauspiel Dresden. Auf einer dunklen Schieferrampe sitzen ein junger Mann mit dem Rücken zum Betrachter, eine junge Frau, die ihm die rechte Hand entgegenstreckt und lächelt und recht ein anderer junger Mann.

„Tschick“ von Wolfgang Herrendorf am Staatsschauspiel Dresden mit Sebastian Wendelin, Lea Paulruck und Benjamin Pauquet. Foto: Matthias Horn

Ein halbes Jahr zuvor stellte sie in Stephan Kimmigs Bergman-Adaption „Fanny und Alexander“ den Jungen Alexander dar: Dabei erleuchtete sie gleichsam die insgesamt düster wirkende Inszenierung, in der die Theaterfamilie dem patriarchalisch-puritanischen Stiefvater wenig entgegenzusetzen vermochte. Zusammen mit Johanna Kolberg als Schwester Fanny machte sie die Inszenierung eigentlich zu einem Drama der Kinder. Ihre Verwandlungskraft war immens, ebenso die Differenzierung ihres Ausdrucks. Das Gespür des erwachsenden Kindes für die Enge im Haus einerseits und seine noch nicht ausgereifte Kraft zum Widerstand andererseits erzeugten eine große Spannung in der Figur. Lea Ruckpaul zeigte einen hilflosen kleinen Menschen mit immensem Potenzial zu Kreativität wie zu Zerstörung; sie zeichnete das faszinierende Porträt einer Jugend in Nöten zwischen rauer Wirklichkeit und geisterhaftem Träumen.

Düsseldorfer Doppelkrise

Im Nachhinein wirkt die Inszenierung, die mir damals im Bezug auf den Glauben an die Kraft des Theaters zu verhalten erschien, fast prophetisch, weil sie die Lage für die Gesellschaft und insbesondere die Jugend nach einem Jahr zermürbender Pandemie treffend beschreibt. Bei unserem Treffen bei einem Spaziergang Anfang März am Rhein in Düsseldorf-Oberkassel ist denn auch die Lage des Theaters in der Zwangsschließung das erste Thema.

Für Lea Ruckpaul ist die existenzielle Theaterkrise weit mehr als ein von außen verursachter Betriebsunfall: „Ich hab in gewisser Weise große Hoffnung in diese Krise gesetzt. Dass ein wirklicher Wandel, der von innen nicht passiert ist, eine Bewegung, eine Kraft von Erneuerung – dass es jetzt von außen kommt. Das betrifft ja die Gesellschaft insgesamt, nicht nur das Theater. Ein Beziehungsende schmerzt, allen Beteiligten tut es weh, auch mir. Ich bin ja beim Theater mit dabei. Ich denke aber, wir müssen ganz dringend auf die Fresse fliegen. So bin ich reingegangen in den ersten Lockdown.“

Im vergangenen Herbst ging das Theater dann auch weiter, kurzfristig. Lea Ruckpaul spielte in Brechts „Mutter Courage“ die stumme Kattrin und sieht im Rückblick die Stimmung der Probenzeit als „deprimierend“: „Die Zeit hätte etwas Neues verlangt – nicht Corona als Thema, sondern eine neue Struktur. Und das haben wir nicht gemacht. Wir sprachen miteinander darüber und sind trotzdem in die alten Muster geraten, der Regisseur spielt den Regisseur und die Schauspielerin die Schauspielerin. Es hat sich gezeigt, wie massiv diese Strukturen in den Körpern sind. Wie schwer es fällt, das zu ändern und frei zu werden.“

Zuspitzung

Inzwischen hat sich die Krise am Düsseldorfer Schauspielhaus noch einmal extrem zugespitzt. Nicht nur, weil der zweite, nicht enden wollende Lockdown kam, sondern auch, weil das Theater durch Rassismusvorwürfe in die Schlagzeilen der Medien geriet. Der junge schwarze Schauspieler Ron Iyamu hat Mitte März rassistische Äußerungen im Umfeld der Proben zu Armin Petras’ Inszenierung von „Dantons Tod“ 2019 angeprangert und sich von dem Haus öffentlich distanziert; der Fall schlug in den alten und neuen Medien hohe Wellen. Am Rande des Covershootings ein paar Tage danach berichtet Lea Ruckpaul von einer langen Ensemblesitzung am Tag zuvor.

„Ich verstehe die Wut der Betroffenen und stelle mich gerade massiv in Frage.“ Und sie ist sich sehr bewusst, Teil eines Machtsystems zu sein. „Wir müssen verstehen, verzeihen, empathisch sein“, sagt sie nun über das Düsseldorfer Schauspielhaus. Das verbindet sich mit dem, was sie noch vor dieser verschärften Düsseldorfer Theaterkrise allgemein über das Theaterspiel sagte: „Da stehen echte Menschen auf der Bühne, und die stehen da mit ihren Gefühlen, ihren Körpern, ihren Gedanken und ihren Sehnsüchten – und das ist das Zentrum.“

Die Kraft der Empathie

Empathie ist vielleicht der Schlüsselbegriff für Lea Ruckpauls Theaterverständnis: „Die große Leistung des Theaters sollte nicht Repräsentation sein, sondern Empathie. Wenn ich etwas spiele, was weit von mir weg ist, dann muss ich eine ziemlich große Leistung vollbringen, eine kulturelle Leistung. Deshalb finde ich es toll, mich mit Stoffen zu beschäftigen, die mir nicht so nah sind. Die geschrieben wurden von Menschen, die einen ganz anderen Hintergrund haben als ich. Ich komme sonst ja auch nicht aus meiner eigenen Gedankensuppe raus, wenn da nicht einer ist, der Wellen macht.“

Das größte Kompliment, das sie je für ihr Spiel bekommen hat, so erzählt sie, kam nach der Premiere von „Fanny und Alexander“ von einer älteren Kollegin: „Sie sagte zu mir: ‚Ich dachte zuerst, du seist ein 14-jähriger Junge. Und dann habe ich gedacht: Nein, das muss eine Frau sein. So gut könnte ein 14-jähriger Junge niemals einen 14-jährigen Jungen spielen.‘ Das war das beste Kompliment, das ich jemals bekommen habe.“ Nicht zufällig spricht die Verwandlungskünstlerin Lea Ruckpaul von sich und ihren Kolleginnen meist als „Spielerinnen“. Die respektvolle gemeinsame Hingabe an ein Projekt prägt für Lea Ruckpaul das Theater. Die Zeit der genialen Einzelkämpfer sei vorbei: „Es gibt natürlich tolle Theatermacherinnen und -macher, die es schaffen, einen Raum zu kreieren, in dem Menschen mehr sein können, als sie sind. Aber das ist gerade im Theater immer eine Kombination von Geistern. Meine These ist: Genie im Theater ist gleich Empathie.“

Proben ohne Premiere

Dass Lea Ruckpauls Spiel keineswegs auf jüngere Figuren beschränkt ist, zeigen auch die noch ausstehenden Premieren der Saison. „Kleiner Mann – was nun?“, in dem sie die Emma Mörschel spielt, wurde nun schon zweimal kurz vor der Premiere abgesagt: „Diesemal hatte ich eine immense Sehnsucht nach der Premiere. Ich habe die Energie, die Spannung in mir und im Zuschauerraum vermisst. Nach der Erlösung, wenn man die ersten Sätze gesagt hat und man merkt, es ist nicht komisch, sondern befördernd, wenn jemand im Publikum sitzt.“

„Fanny und Alexander“ nach dem Film von Ingmar Bergman am Düsseldorfer Schauspielhaus. Eine junge Person mit knallgelber Jacke steht vor einer riesigen Videoleinwand, auf der ein verzerrtes Gesicht zu sehen ist.

„Fanny und Alexander“ nach dem Film von Ingmar Bergman am Düsseldorfer Schauspielhaus. Foto: Sandra Then

In den „Nibelungen“ nach Hebbel spielt sie die Kriemhild. Für diese Inszenierung in der Regie von Stephan Kimmig hat Lea Ruckpaul eine finale Szene geschrieben, die die fertig geprobte, aber unaufgeführte Inszenierung abschließt. Im Dialog mit Brunhild arbeitet sich der Text an Kriemhilds und Brunhilds Rolle und dem traditionellen Frauenbild ab, der Dominanz überlieferter Texte und Verhaltensmuster. Ist sie also eine revolutionäre Textzertrümmerin? „Was ich in dem Epilog geschrieben habe, ist nicht meine Meinung, sondern ein konsequentes Weiterdenken der Figuren. Ich liebe alte Texte. Wenn ich Schiller lese, bin ich total begeistert und positiv aufgeregt. Ich bin sehr textaffin, und es interessiert mich wahnsinnig, Stücke auseinanderzunehmen. Ich funktioniere auf der Bühne sehr über Sprache. Wenn die Figur gut geschrieben ist, habe ich das Gefühl, dass ich gar nichts spielen muss, weil die Sprache das für mich macht.“

Die Autorin Lea Ruckpaul

Die Schauspielerin Lea Ruckpaul ist auch Autorin, bislang jedoch nicht unbedingt fürs Theater: „Ich wollte ja eigentlich gar nicht für das Theater etwas schreiben. Ob ich es kann, weiß ich nicht. Aber ich will tolle Rollen und Stücke schreiben für die Schauspielerinnen, die ich kenne.“

Ende Februar bat ich sie, im Rahmen unserer Reihe Das Theater der Zukunft um einen Text. Sie schrieb den Dialog „Auf der Suche nach F“, eine fast Beckett’sche Szene über zwei durch innige Hassliebe verbundene „Leiber“, die kurz vor der Katastrophe so konkret wie abstrakt über den Absturz räsonieren. Der Text, geschrieben, als das Ende des zweiten Lockdowns in Aussicht stand und die Krise am Düsseldorfer Schauspielhaus noch nicht absehbar war, beschreibt nun – und das spricht durchaus für seine Qualität – eine eher gegenwärtige als eine zukünftige Krisensituation zweier Figuren, einer Gesellschaft, des Theaters.

Die für die Schauspielerin Lea Ruckpaul zentralen Aspekte Sprachkraft und Körperspannung prägen diesen Text. Bei unserem Gespräch am Ufer des gut gefüllten Rheins sagt sie angesichts der aufbrechenden Existenzkrise des Theaters in Zeiten der Pandemie: „Ich habe Vertrauen, dass etwas Neues kommt. Oder alles geht den Bach runter.“

Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr.6/2021.