Schauspielerin und Autorin Lea Ruckpaul im Foyer des Düsseldorfer Schauspielhauses. Sie steht vor einer Betonsäule und hat die Hände in ihre Blusentaschen gesteckt.

Auf der Suche nach F

Den Dialog „Auf der Suche nach F“ von Schauspielerin und Autorin Lea Ruckpaul führen zwei durch innige Hassliebe verbundene „Leiber“, die kurz vor der Katastrophe sehr konkret wie abstrakt über den Absturz räsonieren. Ruckpauls Text – verfasst als das Ende des zweiten Lockdowns in Aussicht stand – beschreibt eine gegenwärtige Krisensituation zweier Figuren, einer Gesellschaft, des Theaters. Geprägt von Sprachkraft und Körperspannung ist es ein Dialog über die Zukunft des Theaters.

Ein Knäuel aus Leibern hängt über dem Abgrund wie ein Bienenschwarm beim Hochzeitsflug, nur nicht so lebendig.

LEIB1 und LEIB2 genehmigen sich eine Raucherpause. Mit einer Hand klammern sie sich an den Schwarm, zwischen den Fingern der anderen halten sie die Zigarette.

LEIB1: Feuer?

LEIB2: Da.

(LEIB2 zündet LEIB1 die Zigarette an)

LEIB2: Ist das Beste am Rauchen,

dass man jemandem für einen Moment

das Gesicht beleuchten kann.

Liebevoll find ich das immer.

LEIB1: Hm.

(Stille)

Zurück ist nicht möglich und

Zukunft ungewiss.

Was ist das für ne Zeit?

LEIB2: Immer

(Der Schwarm kommt in Bewegung, LEIB2 verliert seine Kippe, sie fällt als rot glühender Punkt ins Nichts, LEIB2 reagiert verstimmt)

LEIB2: Sing mal einen langen Luftstrom

herüber, damit ich den Mund öffnen und

ihn auffressen kann.

LEIB1: Welchen Ton soll ich singen?

LEIB2: Moll.

LEIB1: Moll ist kein Ton.

LEIB2: Ist mir wurscht.

(Stille)

Märchenrezitation kann ich.

Märchenfiguren strotzen vor Sinn und Saft.

Die werden nicht einfach reingeworfen in die Geschichte, und dann verbringen die ihr ganzes Dasein mit der Suche nach einer Funktion.

Der Abstand zwischen dir und mir

Da sitzt die Verklebung

Das Märchen

Da trifft deine Fläche auf meine

da leimt man.

LEIB1: Nein.

Erst die Flächen ein wenig aufrauen. Durch das Leben oder sonst was, Erziehung vielleicht, dann der Kleber. Moral, der Tradition auf beide Seiten aufgestrichen, und dann Adhäsion und Kohäsion. Dabei ist es wichtig, dass die Verklebung zwischen den verschiedenen Materialien – dir und mir – fester sein muss als die Körper selber.

LEIB2: Ich bin also mehr an dich gebunden, als mein Innerstes mit- oder sagen wir untereinander zusammenhängt?!

LEIB1: Idealerweise: Ja.

LEIB2: Wenn jetzt aber eine Belastung auf uns einwirkt?

LEIB1: Ja.

LEIB2: Sagen wir mal (blickt aus dem Schwarm hinaus und hinunter in die Tiefe) ein Aufprall auf der harten, kaum nachgiebigen Erde nach einem Sturz, dann breche eher ICH in der Mitte entzwei, als dass unsere Verbindung sich löst?

LEIB1: Richtig. Klebefilm muss man darum immer dünn auftragen. Die Haftwirkung tritt erst ein, wenn der Klebstoff fest wird, austrocknet, härter, härter, härter. Schau dich um, lauter ausgehärtete Verklebungen.

LEIB2: Ich zerbreche, und ein Teil von mir verbleibt in einer durch Moral und Tradition unlösbar gewordenen Verbindung zu dir?

Ich vertraue dir nicht, ich mag dich nicht mal richtig.

LEIB1: Das ist Wissenschaft.

Physikalisch abbindende Kleber verbinden sich im Erstarren. Schau dich um: Erstarrung.

LEIB2: Hör auf jetzt. stehe kurz vor einer Panikattacke. muss dann nach Hause unter die Bettdecke und gleichmäßig in die Hände atmen, bis die Poren meiner Gesichtshaut so offen sind, dass sich ein Peeling lohnt… weil die Physik sagt, dass man sich aus gemeinsamer Erstarrung nicht lösen kann.

LEIB1: Es ist die Frage nach F.

LEIB2: Wer ist F?

LEIB1: F ist die Kraft.

LEIB2: Wie groß ist F?

LEIB1: Die tödliche, vielleicht auch nur deformierende Kraft, die bei der Landung auf unseren Körper wirkt…

hängt von körperlicher Beschaffenheit ab, Elastizität wäre gut oder flüssige Konsistenz

LEIB2: Wir sind nicht elastisch – Adhääääsion, Erstarrung – unsere verkalkten Muskeln und Sehnen haben keinerlei Elastizität. Uns wird es zerschmettern. Ich fürchte mich.

LEIB1: Da gibt es kein Abfangen.

Ach menno…

LEIB2: Ich fürchte mich.

LEIB1: Menno, bei so vielen Eventualitäten kann man gar nichts antizipieren. da lässt sich nicht vorsorgen und vorher sorgen, sorge den ganzen lieben langen isolierten Tag, jeden Tag. Kotzt dich das auch so an?

LEIB2: Am meisten hasse ich hier diese Knirscher. Die Wütenden. Fäuste können sie nicht ballen, brauchen die Finger zum Festkrallen, schließlich. Aber Zähneknirschen geht. Alles wollen sie zerstören, wo wir uns doch noch am Rande des Abgrundes mit unvereinten Kräften zwar, aber der Kraft der kollektiven Verzweiflung festkrallen. Diese Unruhigen, Unzufriedenen, die kotzen mich an. Ständig rumrammeln und meine in den Fels gekrallten Finger müssen leiden, dass den Nägeln wieder der Schellack abplatzt.

LEIB1: Manchmal bin ich leise zuversichtlich bis zwanghaft euphorisch, dass wir die Situation unter Kontrolle kriegen. Diese Zuversicht hält mich. Hält mich außerhalb von mir in der Zeit.

LEIB2: Nein. Uns wird es zerbröseln, wir sind kein weicher Verbund, unsere Kruste sprengt es auf. Die erstarrten Verbindungen halten, aber wie die zerstörten Selbste leimen? Es wird schmerzen.

Sie lachen – die Zappelnden – jetzt, weil uns beim Festhalten die Hände bluten können die das nicht lassen?

LEIB1: wollen nicht

LEIB2: wollen das nicht lassen mit den Beinen im Abgrund zu baumeln, wenns

ihnen den Boden weggezogen hat???

Kleber braucht es, mehr

Die paar Drängler und Beinebaumler, die werden wir einfach wegtolerieren.

LEIB1: Du klingst so mutig. Jetzt.

Und geladen.

Kurz bevor der Körper aufschlägt, hat er eine Bewegungsenergie, die gleich ist seiner potenziellen Energie vor Beginn des Fallens. Die Bewegungsenergie eines Körpers wird dazu verwendet, am Körper Verformungsarbeit zu verrichten.

LEIB2: Aber warum halten wir dann die Form? Wir erlauben uns kein Zerfließen. Nein, wir machen den Sitzstreik in den Produktionsstätten. Wir gehen nicht raus in die inneren Landschaften.

Warte… die Physik sagt, wir hatten sie?

Wir haben sie doch, die potenzielle Energie, die Bewegungsenergie zur Verformung auch vor Beginn des Fallens. Bevor wir jetzt abgeschabt und weggewischt werden von der Zeit?

Von der Veränderung.

LEIB1: Ja, klar. Energieerhaltungssatz…

(Schweigen)

LEIB2: Spüre nichts von der Energie.

LEIB1: Ich auch nicht.

(Stille)

LEIB2: Wenn die potenzielle Energie VOR dem Fallen genauso hoch ist wie die Energie beim Aufprall, wo ist denn dann die Energie bei uns, jetzt?

LEIB1: Potenziell vorhanden, eben.

LEIB2: Potenzial wofür?

LEIB1: Ein Potenzial für Flügel vielleicht oder Seiltanzenlernen oder für „den Boden uns sanft unter die Füße Argumentieren“. Potenzial wird sich in Zerstörung umwandeln, während wir dem Erdboden entgegenrasen.

LEIB2: Da wird es spürbar,

Arbeit ist Kraft mal Weg.

LEIB1: Es rührt sich nichts.

LEIB2: Blöd.

LEIB1: Blöd nur, wenn sich nichts rührt.

(Stille)

Hast du Angst vorm Fallen?

LEIB2: Nein.

LEIB1: Ich auch: nein.

LEIB2: Ich hab richtig Lust auf Fallen.

Luft, die immer schneller an meinem Körper aufwärtsströmt, stell ich mir vor. So. Während ich durch ihre Schichten falle. Ich glaube, alle Härchen meines Körpers werden sich aufstellen, sodass sie schmerzen, kennst du das?

LEIB1: Viel Risiko für ein bisschen Gänsehaut!

LEIB2: Ja.

LEIB1: Mach dich nicht so schwer.

Kaum kann ich dich halten.

LEIB2: So schwer bin ich

LEIB1: warst du nie

LEIB2: bin ich, wenn ich nicht mehr klammere

LEIB1: Ahhhrggg…

(mit vor Kraftanstrengung bebenden Stimme)

ist das erste Mal, – geil – das erste Mal, dass mein Körper mir nützt. Geil. Liegestütze nützen.

Warte noch

LEIB2: worauf

LEIB1: Komm mir ganz nah noch einmal, komm in meine Blutbahn und schwimm.

LEIB2: Vor dem Hintergrund, dass Zukunft uns nicht mehr möglich ist, wirst du alt, zwischen meinen Fingern. Als würde deine Haut sich seufzend senken. Solange ich im JETZT mit dir war und das, was sein könnte, sich wie Partikel nach einer Explosion im All in alle Richtungen bis ins Unendliche ausbreitete – solange warst du jung, jetzt hängt dir die Haut der Wangen über das Kinn hinaus. Ist nicht hässlich nur verletzlich, wie diese Haut bebt, wenn du weinst. Gut, dass ich weine, denke ich. Das spült die Pollen aus den Augen, jetzt wo Frühling geworden ist, müssen die raus aus der Schleimhaut, sonst brennts in den Augen gleich in der Flugphase. Will aber alles sehen. Nase heult mehr als die Augen sind das die Birkenpollen oder ist das Schmerz oder oder oder. Irgendeine Form von Leid wird es schon sein. Mitleid mit dir oder Selbstmitleid, ob der Erkenntnis, dass ich ohne dich eine andere sein werde. Du altehrwürdiger rundeckiger Kasten, du Institution, du Schwein, du Ausbeuter und Pseudoermöglicher, du Ort von Erschöpfung und Ekstase, Nachdem ich DICH umarmt habe, fühlen sich all die anderen Körper klein an, du Raum für „auf Neues hoffen“ und „das Alte reproduzieren“, du Zwang, du Ort, an dem ich tiefer atmen kann als sonstwo.

Manchmal.

Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr.6/2021 zusammen mit einem Porträt über Lea Ruckpaul.

Lea Ruckpaul ist Ensemblemitglied am Düsseldorfer Schauspielhaus. Geboren 1987 in Berlin. Schauspielstudium an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ in Leipzig. Ab der Spielzeit 2013/14 Ensemblemitglied am Staatsschauspiel Dresden. 2016/17 Wechsel ans Schauspiel Stuttgart. Seit 2018/19 am Düsseldorfer Schauspielhaus.