Vertrau dem Universum!
Foto: Giuseppe Spota bei unserem Covershooting im Bühnenbild zu seiner Choreographie „Momo“ am Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen. © Annette Hauschild Text:Ulrike Kolter, am 15. April 2020
Der Choreograf Giuseppe Spota leitet mit der MiR Dance Company in Gelsenkirchen sein erstes eigenes Tanzensemble. Er fragt: Werden wir durch das Digitale die Schönheit einer Liveperformance verlieren? – und plant dennoch ab April ein Green-Screen-Projekt für neue Zuschauergenerationen.
„Wenn du ein neues Kapitel in deinem Leben beginnst, musst du einhundert Prozent davon überzeugt sein, dass du genau das Buch liest, das du lesen möchtest!“ Diese Gewissheit, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein und dabei die eigene Passion leben zu können, ist ein Geschenk. Oder eine Frage der Einstellung?
Wenn der italienische Choreograf Giuseppe Spota, seit dieser Spielzeit neuer Direktor der zeitgenössischen MiR Dance Company in Gelsenkirchen, von den Stationen seines Tänzerlebens erzählt, wird deutlich, dass er auch schwierige Momente mit intuitiver Überzeugung angegangen ist: Tanzen zu wollen auch gegen den Willen des Vaters, später das renommierte Aterballetto zu verlassen und von Italien nach Deutschland zu gehen, die Tänzerkarriere an den Nagel zu hängen, um Choreograf und schließlich Tanzdirektor zu werden. Bei all diesen Schritten wusste der Italiener ziemlich genau, was er wollte – und fügte sich dennoch, wo es nicht anders ging. „Das Leben ist so unvorhersehbar! Ich glaube, nichts passiert grundlos, und man kann das Universum nicht zwingen, aber annehmen.“
Von Italien in die Welt
Getanzt hat der 1983 im italienischen Bari Geborene laut seiner Mutter schon als kleiner Junge vorm Fernseher, trainierte dann Rumba, Cha-Cha-Cha und Walzer. Weil sein Vater zunächst dagegen war, ging Spota heimlich zur Ballettschule, bis es aufflog. (Inzwischen ist sein Vater übrigens einer seiner größten Unterstützer.) Erst mit 16 folgten Vortanzen bei professionellen Ballettschulen in Rom und Florenz – reichlich spät für einen Jungen. Nach eineinhalb Jahren hartem Training bekam er dennoch die Chance, Mitglied beim Balletto di Roma zu werden. Er wollte einfach nur tanzen. „Es war mir egal, wie groß die Bühne ist und ob tausend Leute zuschauen.“ Dass er allerdings kein klassischer Tänzer mehr werden würde, stand für den 18-Jährigen da längst fest.
Ab 2004 gehörte er für vier Jahre dem international profiliertesten Tanzensemble Italiens an, dem Aterballetto. Unter der künstlerischen Leitung von Mauro Bigonzetti arbeitete Giuseppe Spota mit Choreografen wie Jiří Kylián, Ohad Naharin und William Forsythe – und er reiste mit ihnen um die Welt. „Ich hatte die Chance, überall zu tanzen, sogar vor der Königin von Thailand!“ Diese Gastspielerfahrungen prägen nicht nur die physische Belastbarkeit, sondern auch die Persönlichkeit eines Künstlers, lassen ihn reifen für alles, was er auf der Bühne auszudrücken vermag. Und das ist für Spota entscheidend bei der Frage, wer er sein will – und was er heute mit seinen Choreografien vermitteln möchte. Vor allem: ehrlich zu sich selbst sein.
Choreograf und Bühnenbildner
In „Momo“ zum Beispiel, der ersten Uraufführung an seiner neuen Wirkungsstätte Gelsenkirchen, interpretiert er Michael Endes Roman neu. Nicht eine, sondern drei Tänzerinnen und ein Tänzer sind abwechselnd Momo, das junge Mädchen, das gegen die grauen Herren der Zeitsparkasse kämpft. Das spartanische Bühnenbild besteht nur aus weißen Plastikstühlen, die beklettert und betanzt werden, zu Brücken gestapelt sind oder hohe Türme bilden, die sich angestupst als eine Art Perpetuum mobile um sich selbst drehen. Giuseppe Spota hat das Bühnenbild – wie oft in seinen Stücken – selbst entworfen, und so trist es auf den ersten Blick auch wirkt, so flexibel ist es bespielbar, ist zeit- und ortlos obendrein.

Pablo Navarro Muñoz und Genevieve O’Keeffe in „Momo“ am MiR in Gelsenkirchen. Foto: Bettina Stöß
In dieser „Momo“ wird das Böse nicht in Person der grauen Herren bekämpft, sondern jeder muss für sich eine Entscheidung treffen: Wer will ich sein? Wie gehetzt, abhängig, konform will ich leben? In gruppendynamischen Szenen, barfuß, marschieren sie in sich kreuzenden Blöcken, verwandeln sich die einzelnen Tänzer selbst in graue Herren, indem sie ihre helle Kleidung unmerklich einer nach dem anderen auf links drehen. Angesteckt hatte sie zuvor ein grauer Herr (Simone Frederick Scacchetti), der in einem fulminanten Solo, mit psychopathisch zuckender Mimik und zitternden Gliedern einen jener Zeiträuber gibt. Wenn im Schlussbild alle von ihnen die gelben Regenmäntel ins Publikum halten, wird es auch für uns unbequem: Für welche Seite entscheiden wir uns?
Freelancer-Dasein
Für einen professionellen modernen Tänzer gibt es in Italien nach dem Aterballetto nicht mehr viele Optionen, also ging Spota 2010 nach Deutschland. Beim Nederlands Dans Theater (NDT) hatte es nicht geklappt, kurz vor Vertragsschluss bekam er nur eine Absagemail. Wieder so ein Wink des Universums? „Das war für mich ein Zeichen, dass mein Weg ein anderer sein sollte.“ Nach Vortanzen in Wiesbaden und Stuttgart folgte ein intensives Jahr bei Gauthier Dance in Stuttgart. „Es war tough, tough, tough. Wir waren nur vier Tänzerinnen und vier Tänzer, also kein Ersatz, viele Tourneen … Aber wenn man liebt, was man tut, tanzt man auch mit Schmerzen.“ Als der Anruf von Stephan Thoss aus Wiesbaden kam, war für Spota die Entscheidung sofort klar. Und so begann die Arbeit mit einem seiner wichtigsten Mentoren.
Gleich in der ersten Spielzeit gab ihm Thoss als Ballettchef am Hessischen Staatstheater Wiesbaden die Hauptrolle in seiner Choreografie „Blaubarts Geheimnis“ – ein riesiger Vertrauensbeweis, der sich bezahlt machte: Spota wurde für seinen „Blaubart“ prompt mit dem Deutschen Theaterpreis DER FAUST 2011 als bester Tänzer ausgezeichnet. Zeitgleich begann er zu choreografieren, in Wiesbaden, auch andernorts. Und er gewann den 2. Platz beim Internationalen Wettbewerb für Choreografie in Hannover. „Es macht Spaß, noch mehr Möglichkeiten zu haben, um sich auszudrücken, als nur zu tanzen.“ Als Stephan Thoss Wiesbaden verließ, war der Schritt ins Freelancer-Dasein für Spota erneut so eine Lebensentscheidung. „Ein großer Schritt, man muss plötzlich endlos viel organisieren, aber es hat geklappt, und eins kam zum anderen.“

Screenshot zu „Shoot Me Into the Green Screen“. Foto: Valeria Lampadova
Ausdrucksstarke Truppe
Spota choreografierte unter anderem für das Staatstheater Mainz, für Gauthier Dance, das Theater Regensburg, das Theater Ulm und schuf eine Kreation für die Beijing International Ballet Gala. Dass dann ab 2016 noch mal drei gemeinsame Arbeitsjahre mit Stephan Thoss folgten, diesmal am Nationaltheater Mannheim, damit hätte er nicht gerechnet. Aber die Arbeitsbeziehung der beiden harmonierte, Spota wurde Ballettmeister und choreographischer Assistent – letztlich ein wichtiger Schritt vor der ersten eigenen Direktion. An zwei Theatern bewarb er sich, bei Michael Schulz, Intendant am MiR, war sofort eine Verbindung da.
Nun ist Giuseppe Spota Direktor der MiR Dance Company. Es gab eine riesige Audition, alle bis auf eine Tänzerin sind neu: „Wenn du eine Compagnie übernimmst, ist sie immer ein bisschen ,vorgekocht‘. Und aus Mannheim wollte ich keinen mitnehmen. Dort kannten sie mich als Assistent von Thoss; hier bin ich Direktor, das ist wichtig zu unterscheiden.“ 14 Tänzerinnen und Tänzer gehören dazu, inklusive zwei Eleven, eine ausdrucksstarke Truppe, die auch physisch unterschiedlich zusammengesetzt ist. Auf dem Papier gibt es keine Solisten mehr, das sei wichtig für die Gruppe. „Wir sind auf einer Ebene. Das habe ich in Skandinavien gelernt: Wenn man alles offen auf den Tisch legt, gibt es keine Lügen, und man fühlt sich wohler. Aber das ist im Theater nach wie vor ,a big stone‘…“
Green Screen
Nach einem Doppelabend im vergangenen November mit Werken von Mauro Bigonzetti und dem israelisch-niederländischen Choreografenduo Ivgi & Greben folgte seine „Momo“ im Januar. Im April kommt „Shoot Me Into the Green Screen“ als „Abend im digitalen Tanzlabor“ von Giuseppe Spota, Antonin Comestaz und Erion Kruja. Darin wird man drei Choreografien vor einem Green Screen sehen, die anschließend auf Monitoren mit anderen Hintergründen gezeigt werden: „Die Zuschauer sehen dann im Hintergrund entweder etwas Schönes oder Hässliches.“ Die semantische Verbindungsebene ist das Thema Zerstörung, die Natur ein wichtiges Motiv im choreografischen Schaffen des Italieners.

Ensembleszene aus Spotas Choreografie „Tambora“ am Staatstheater Mainz. Foto: Andreas Etter
Für tanzmainz hat er zuletzt „Tambora“ herausgebracht, nach dem gleichnamigen Vulkan, der 1815 in Indonesien ausgebrochen war – mit fatalen Auswirkungen aufs Klima. Riesige graue Schaumstoffmatten werden dort von der Compagnie beklettert und besprungen, dienen als Projektionsfläche für Videos und diverse Liniennetze von Leuchtspots. Wie steht der Mensch den gewaltigen Kräften der Natur gegenüber? „Ich habe immer das Gefühl, ich tue nicht genug. In der Kunst immerhin kann ich mich ausdrücken.“
Welchen Bezug hat Spota zur digitalen Entwicklung in den Künsten, im Tanz? „William Forsythe war einer der Ersten, der die ganze digitale Technik auf der Bühne genutzt hat. Heute fühlen sich Choreografen zunehmend verpflichtet, das auch zu tun.“ Aber was wird die Zukunft des Tanzes sein? „Werden wir die Schönheit einer Liveperformance verlieren? Ich habe in Italien mal im Kino eine Tanzperformance gesehen und gar nichts gefühlt, mich schrecklich gelangweilt. Wenn das die Zukunft ist, will ich etwas anderes machen!“
Wie erreichen wir die jüngere Generation?
Sein Green-Screen-Projekt ist zunächst für drei Spielzeiten geplant: „Ich habe ein bisschen Angst um die Theater. Wie erreichen wir die nächste Generation noch? Auch deshalb mache ich diese Produktion. Zum jetzigen Zeitpunkt ist es noch work in progress, aber unser Ziel ist es, jüngere Generationen damit zu erreichen und ein Statement zu setzen. Wir haben hier die Möglichkeit, auszuprobieren, wie Kunst und speziell Tanz in Zukunft aussehen können.“
Digitalität im Tanz als Forschungslabor – und um junges Publikum zu gewinnen? Dass seine „Momo“ – ganz ohne digitale Technik – von einem überwiegend jungen Gelsenkirchener Publikum enthusiastisch gefeiert wurde, beweist, dass es – noch? – auch anders geht.
Giuseppe Spota leitet seit dieser Spielzeit die neue, zeitgenössische MiR Dance Company am Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen. Geboren 1983 in Bari/Italien. Ausbildung als Tänzer an der Scuola del Balletto del Sud und der Scuola del Balletto di Toscana. Engagement beim Balletto di Roma. 2004 bis 2008 Tänzer beim Aterballetto unter Leitung von Mauro Bigonzetti, anschließend ein Jahr bei Gauthier Dance in Stuttgart. Ab 2010/11 Solist beim Ballett des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden unter Leitung von Stephan Thoss. 2016 bis 2019 choreografischer Assistent und Hauschoreograph am Nationaltheater Mannheim unter Stephan Thoss.
Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr.4/2020.