Junge an die Macht!
Foto: Ein performativer Spaziergang beim Festival Bohei. © Ingo Solm Text:Hannah Schmidt, am 3. April 2021
Das COMEDIA Theater in Köln, ein freies Theater, entwickelt sich mit Mitteln von Stadt und Land zunehmend zum Zentrum für junges Publikum. Dabei dürfen die Betroffenen mitreden.
Es war eine besondere Energie, die das COMEDIA Theater im vergangenen Jahr wie ein großer Gleitschirm durch die Corona-Krise getragen hat. Genau in der Pause zwischen den beiden Shutdowns konnte das Haus im Herbst wie geplant seine Neueröffnung als Zentrum der Kultur für Junges Publikum Köln und NRW feiern, mit mehreren Premieren und reduziertem Publikum. Die Pandemie kam mitten in dieser starken Vorwärtsbewegung eines großen Neustarts – und schaffte es nicht, das Theater vollständig auszubremsen.
Umbrüche und Neuanfänge
Dieser Neustart der COMEDIA Köln war nicht der erste, den die Leiterin Jutta M. Staerk in ihren mittlerweile 13 Jahren am Haus miterlebte. 1982 noch als Spielort der Gruppe Ömmes & Oimel eröffnet, änderte das Theater 2009 zusammen mit dem Umzug in das neue Theaterhaus an der Vondelstraße seinen Namen und seine Vision: die Entwicklung vom Kabaretttheater hin zu einem Haus für Kinder und Jugendliche, in dem partizipative Arbeit und eigene Produktionen miteinander vereint werden. „Das COMEDIA Theater ist das Haus, das im ständigen Umbruch und immer in Neuanfängen begriffen ist, seit ich hier bin“, sagt Jutta M. Staerk im Gespräch. „Wir arbeiten mit dem Gefühl eines stetigen Aufbrechens, eines stetigen Neubeginns.“ Zuletzt stockten die Stadt Köln und das Land NRW im Jahr 2020 die Zuschüsse für das Theater deutlich auf – auf insgesamt 1424400 Euro.

Die Front von Café und COMEDIA. Foto: COMEDIA
Betritt man das Foyer des imposanten Gebäudes, einer ehemaligen Feuerwache, mit seinen dunkel von der Fassade abgesetzten Türbögen, bietet sich ein zunächst ungewöhnlicher Blick: Da gibt es keine typischen Stehtische, wie sie das Premierenpublikum in den Pausen und nach der Aufführung zu beplaudern weiß, sondern Sitzsäcke. Die Atmosphäre erinnert an eine wohnzimmerähnliche Lounge, in der sich offensichtlich ein anderes Publikum wohlfühlen soll als die üblichen Theatergängerinnen und Theatergänger.
Prinzip Partizipation
Die COMEDIA hat sich in den vergangenen Jahren, umso mehr seit der Wiedereröffnung im August 2020, für die Partizipation von Kindern und Jugendlichen geöffnet – auch wenn das nicht leicht war und ist: „Es ist ein Prozess, der auch anstrengend sein kann und weh tut“, sagt Manuel Moser, Leiter der Abteilung für junges Publikum an der COMEDIA – denn man werde gewissermaßen gezwungen, seine lang gehegten Perspektiven zu hinterfragen, sich auch von Liebgewonnenem zu verabschieden. „Wir hören uns an, was die jungen Menschen möchten“, sagt Moser, „wir haben sogar einen künstlerischen Beirat aus aktuell acht Jugendlichen gegründet. Die suchen das Gespräch und reden mit.“
Die Veränderungen, die in dieser Arbeit mit den jungen Leuten entstehen, sind für viele, vor allem für langjährige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, gravierend: So wird beispielsweise um der Nachhaltigkeit willen die Infobroschüre abgeschafft. Überhaupt arbeitet das Theater daran, papierlos zu werden – und die Sitzsäcke im Foyer gehen auch auf das Konto der Jugendlichen.

Manuel Moser, Leiter der Abteilung für junges Publikum und Jutta M. Staerk, Leiterin. Foto: Christopher Horne
Dabei bezieht sich ihre Mitarbeit aber nicht nur auf die Gestaltung der Räume und Arbeitsweisen: In derzeit acht grundsätzlich inklusiven Theatergruppen des Theater*Labors arbeiten Kinder und Jugendliche ganz unterschiedlicher sozialer und kultureller Hintergründe an eigenen Performances, Lectures und anderen Präsentationen. Das Thema im Jahr 2021 ist Europa. „Die Frage danach, was Europa eigentlich ist, beantworten die Generationen ganz unterschiedlich“, sagt Manuel Moser, der eines der Kollektive leitet. „Was bedeutet es für Kinder und Jugendliche, die mit ihren Eltern hierher migriert sind, oder für Leute, die einen Background in einem außereuropäischen Land haben?“ Jedes Kollektiv sucht sich dabei seinen eigenen Zugang, sein eigenes Unterthema – Moser hofft, dass beim im September 2020 neu gegründeten Bohei-Festival 2021 erste Präsentationen gezeigt werden können.
Der andere Blick
Aber was ist überhaupt wichtig, wenn man ein Theater für junges Publikum sein will? „Gutes Theater für Kinder und Jugendliche ist einfach gutes Theater“, sagt Manuel Moser. Allerdings könne man abstrakter arbeiten. „Als Kinder und Jugendliche haben wir ein hohes Abstraktionsvermögen, was wir aber im Laufe unseres Lebens, unter anderem auch in der Schule, verlernen. Wir lernen dort, was wir wo wie zu interpretieren haben. Theater ist aber immer auch subjektives Schauen und Sehen, Interpretieren und Empfinden. Mein Gefühl ist, dass uns das im Laufe unseres Lebens abtrainiert wird.“
Besonders in den Nachgesprächen mit den Jugendlichen, erzählt Dramaturgin Anna Stegherr, wenn ein Stück die Premiere geschafft hat, entstünden immer noch neue Lesarten und Perspektiven auf das Gehörte und Gesehene: „Das ist auch für mich eine große Bereicherung.“ Für sie und Manuel Moser ist diese Art, zu sehen und zu diskutieren, ein politischer Prozess: „Man kann gemeinsam im Theater sein“, sagt Moser, „aber etwas völlig anderes sehen als die Person, die einen Meter entfernt sitzt. Darüber zu diskutieren ist politische Bildung.“
Die COMEDIA ist nicht nur ein Haus, das pro Jahr vier Eigenproduktionen realisiert und zeigt, in allen Sparten produziert und immer wieder international mit anderen Theatern und Ensembles kooperiert. Sie ist auch ein Festivalhaus, in dem die freie Szene ihren Platz findet. So veranstaltet die COMEDIA in diesem Jahr das Spielarten-Festival, das Westwind– und das Bohei-Festival und bietet Raum für andere mehrtägige Veranstaltungen wie das Cologne Comedy Festival, die phil.cologne und die lit.COLOGNE. „Unseren neu eingeschlagenen Weg werden wir ganz aktiv weitergehen“, sagt Jutta M. Staerk, „ganz klar in Richtung eines Zentrums.“ Bleibt zu hoffen, dass nach der Corona-Pandemie für die Theater und Kulturstätten genug finanzielle Unterstützung bereitstehen wird.
Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr.4/2021.