Foto: „Der öffentliche Raum“ von Ulrike Syha am Hessischen Landestheater Marburg in der Regie von Anne Decker. © Jan Bosch
Text:Judith von Sternburg, am 25. Oktober 2026
Ein Paar verliert sich in Internetdebatten und findet sich in einem Verhör wieder: Die Deutsche Erstaufführung von Ulrike Syhas „Der öffentliche Raum“ am Hessischen Landestheater Marburg entdeckt in der Regie von Anne Decker Plausibles im Pauschalen.
Ulrike Syhas Stück „Der öffentliche Raum“ schaut auf obskure und eskalierende Internetdebatten. Dies geschieht weniger analytisch als in einem Schlagabtausch, nicht ohne Witz, aber auch plakativ. 2019 ist das Stück mit dem Hamburger Literaturpreis in der Kategorie Lyrik/Drama/Experimentelles ausgezeichnet und 2020 im kleinen Wiener Theater Drachengasse uraufgeführt worden.
Man könnte sich schon vorstellen, dass angesichts rasend schneller Entwicklungen einiges vor sechs Jahren noch überraschender wirkte als heute. Inzwischen ist sowohl die ideologische Spaltung innerhalb einer Kleinfamilie vertraut als auch die Erkenntnis, dass alles, was im Internet herausgeblasen wird, sich über kurz oder lang doch als Sturm auf der Straße wiederfinden wird.
Vieles, aber unverbindlich
Darum geht es hier. Ein Ehepaar, er Anwalt, sie Soziologin, beide beruflich unter Druck, sind bereits am Auseinanderdriften, als sie unabhängig voneinander zunehmend im Internet versacken. Was genau sie da treiben, bleibt vage. Es geht um Politik, Kontrollwahn, Grenzüberschreitungen und das übliche Misstrauen gegen alles und alle. Denn gerade, wer sich einbildet, endlich den Überblick zu gewinnen, verliert ja den Boden unter den Füßen. Damit muss allerdings auch das Publikum leben: Dass zwar viel vorkommt, aber gerade dadurch unverbindlich bleibt.
Ein strenges Duo sieht aber offenbar Grund zu Ermittlungen. Die Klammer für „Der öffentliche Raum“ ist eine Art Verhörsituation. Daraus entwickeln sich einzelne Rückblenden: Blicke in eine zerstörte Ehe und eine geistige Desorientierung.
Freie Sicht auf nichts
Bei der deutschen Erstaufführung am Hessischen Landestheater Marburg fällt nicht gleich auf, dass der Mann und die Frau nie direkt miteinander interagieren oder sprechen. Tatsächlich sieht Dramatikerin Syha eine Zweiteilung der Bühne vor, bei der selbst das Publikum jeweils nur eine Seite sehen soll. Im Kleinen Tasch hingegen haben alle freie Sicht auf alle. Das hilft ihnen allerdings auch nichts.

Auf Konfrontationskurs: Deutsche Erstaufführung von Ulrike Syhas „Der öffentliche Raum“ mit Bibiana Malay und Chistian Simon. Foto: Jan Bosch
Bibiana Malay und Christian Simon haben ihre Schreibtischchen mit den obligatorischen Laptops nicht fern voreinander aufgestellt. Sie hören und sehen einander, wie sie mit den als „Sicherheit“ bezeichneten Wachleuten sprechen. Dann kommentieren sie zu kurz dazwischen („den Witz macht er/sie immer“), ins Gespräch kommen sie nicht. Malay vor allem zeigt eine Verunsicherte, Aufgebrachte. Schwierig ist es für sie, ihre im Text benannte, aber nicht grundierte „Wut“ zu beglaubigen. Simon spielt abgebrühter und extrem realistisch: nett, ausweichend. Jeder wird jemanden kennen, der so auftritt.
Alpträume aus dem PC
Regisseurin Anne Decker lässt beide insofern ein Jedermannpärchen sein. Um sie herum wird hingegen tüchtig überdreht. Das ist effektvoll, weil es dokumentiert, wie für die beiden der Netzwahn und der Irrsinn ihres Lebens kaum noch unterscheidbar sind. AdeleEmil Behrenbeck und Fanny Holzer schlüpfen hingebungsvoll in grell ausstaffierte Nebenfiguren: Holzer macht die Chefin der Kanzlei, in der der Mann arbeitet, grandios zu einer bösen Zauberin. Nachher ist sie die gespenstisch kichernde Tochter. Behrenbeck ist unter anderem der höchst windige Sicherheitstechniker der Kanzlei. Dass das Ehepaar zu allem Überfluss offenbar abgehört und beobachtet wird, dürfte hier seine Ursache haben.
Ausstatterin Diana Berndt geht mit der so konkreten wie abstrakten Situation geschickt um. Hinter die Arbeitsplätze stellt sie eine weiße Wand: einerseits ein riesiger Computerbildschirm und entsprechend genutzt (Videodesign: Simon Lenzen), andererseits darin die Klappe, durch die die kleinen und großen Alpträume in Form von Holzer und Behrenbeck ein und aus gehen können, wie sie wollen. Beim Zuschauen bekommt das eine Geschmeidigkeit, die den etwas pauschalen und überfüllten Text für 90 Minuten plausibel und spannend macht. Auch wenn danach nicht viel bleibt.