Das Ensemble sitzt auf einer Pyramide. Davor streckt ein Tänzer den Arm Richtung Bühnendecke.

Balance halten

Annett Göhre: Kipppunkte

Theater:Theater Ulm, Premiere:22.10.2026 (UA)Regie:Annett Göhre

Annett Göhre zeigt am Theater Ulm ein Stück über den Moment, bevor Furcht zweitrangig wird. Mit „Kipppunkte“ gelingt eine Uraufführung, die Tanz und Alltag miteinander verbindet. Dabei sorgt das zwölfköpfige Ensemble für große Begeisterung.

Wenn in der öffentlichen Diskussion von „Kipppunkten“ gesprochen wird, betrifft es zumeist das Klima: Ein Punkt wird erreicht, bei dem sich unumkehrbar eine für die Menschheit katastrophale Entwicklung anbahnt. In ihrem Tanztheaterstück „Kipppunkte“ meint aber die Choreografin Annett Göhre am Theater Ulm weniger diesen klimakatastrophischen Kontext. Sie interessiert sich für die Momente im Alltag. Für die Tänzer:innen beispielsweise, die in der Seitengasse kurz vor ihrem Auftritt voll unter der Spannung stehen: Wird mein Auftritt gelingen? Für eine Tänzerin und einen Tänzer gehört dazu die Frage: Werde ich die Balance halten können oder werde ich fallen?

Von Tiefen und Höhen

Aus solchem Material baut Annett Göhre zusammen mit dem Ensemble einen starken Tanztheaterabend. Beim Einlass liegt Alba Pérez Gonzáles vor dem Gazevorhang auf dem Bühnenboden und versucht, auf ihrem zusammengefalteten Rock eine Schlafhaltung zu finden. Mit einer Livekamera wird dieser Vorgang übergroß dargestellt. Plötzlich tauchen andere Gesichter auf. Wenn der Gazevorhang hochgezogen wird, sind auf der Bühne drei Kreisel zu sehen, wie man sie von Spielplätzen kennt, die sich im Drehen kippen lassen. Mit ungeheurem Einsatz lässt sich das Ulmer Ensemble darauf ein, mit diesen Kreiseln immer neue Balancepositionen zu finden.

Göhre hat ein feines Gefühl für Timing. Sie choreografiert nicht nur starke Soli in die Ensemblenummern, sondern sie spürt auch genau, wann ein Spiel ausgereizt ist. Die Kreisel verschwinden im Bühnenboden und eine Riesenwippe wird herabgelassen. Deren Clou ist, deren Bewegung wird „von außen“ gesteuert. Während die Kreisel von den Tänzer:innen bewegt werden, wird nun das Ensemble bewegt. Am Ende schließlich hat Silvio Motta (Ausstattung) eine an eine Pyramide erinnernde Mauer mit Tor vor einer Leinwand mit ziehenden Wolken vor blauem Himmel geschaffen, davor eine Rampe, hinter der sich ein Trampolin befindet: Man kann auch in die Höhe fallen, wie schon Joachim Meyerhoff wusste.

Gelungene Performance

Grandios, wie Gabriel Mathéo Bellucci im blauen Hosenanzug aus dem Nichts ein Solo hinlegt. Wie Casey Hess, ganz in Weiß gekleidet, im Video in der Seitengasse steht, tief durchatmet und auf die Bühne läuft. Oder Seungah Park im weißen Rüschenhosenanzug Balance zu halten versucht (Kostüme ebenfalls Silvio Motta, die stilisiert an Probenkleidungen erinnern). Aber eigentlich ist es unfair, aus dem zwölfköpfigen Ensemble Namen herauszugreifen: Hier agiert ein Ensemble gemeinsam auf hohem Niveau.

Das Ensemble turnt auf einer Wippe. Die Bewegungen sind verwischt, scheinen im Moment zu passieren.Eine Tänzerin ist mitten im Radschlag zu erkennen.

Das Ensemble tanzt und turnt auf einer Wippe. Foto: Ida Zenna

So klug, wie Göhre bei der Auswahl der Gerätschaften ist, die Balanceakte herausfordern, ist sie auch bei der Musikauswahl, die vom Band kommt. Im Zentrum stehen dabei „Tabula Rasa“ von Arvo Pärt und „Drumming“ von Steve Reich. Aber auch Nummern von Philip Glass, Michael Lawrence Nyman oder Jeremy Sherman entwickeln einen Drive, der das Tanzensemble des Theaters Ulm weit über sich hinaustreibt. Eine starke Produktion!