vier Darsteller:innen auf einer Bühne

Fragmentiert konstruiert

Laura N. Junghanns: Das blaue Haus

Theater:Theaterhaus Jena, Premiere:15.10.2026 (UA)Regie:Merle Zurawski

Am Theaterhaus Jena inszeniert Merle Zurawski die Uraufführung von Laura N. Junghanns’ „Das blaue Haus“. Trotz detailreichem Spiel des Ensembles und präzisem Timing bleibt auf der Bühne statt nahbaren Figuren ein abstraktes Familienbild.

Ein Haus wird zum Schauplatz für Alltagsmomente, für Glück, Leid und Trauer, für Erinnerungen und Identität. Von so einem von der Zeit geprägten Haus handelt Laura N. Junghanns neues mit dem Jakob-Michael-Reinhold-Lenz-Preis für Dramatik der Stadt Jena 2024 ausgezeichnetes Stück. Erinnerungen sind fragmentiert, sie sind subjektiv, malen in diesem Stück aus fünf Lebensläufen das Abbild einer stereotypisierten Familien-Realität.

So zeitlos und uneindeutig wie die Figuren des Stücks konstruiert sind – Oma, Mutter, Vater, Tochter, Sohn –, ist auch die Version des Textes von Regisseurin Merle Zurawski und Team am Theaterhaus Jena. „Aber dieses Jahr“, „Oma hatte noch nie“, „Warum sollte es“, „Haben wir uns so lang“ – so verläuft der Dialog, der nur aus unvollständigen Sätzen besteht. Die Stärke: Der Text eröffnet eine Metaebene, an die wohl viele im Publikum andocken können. Und aus dieser Metaebene schöpfen auch Zurawski und Team für die Inszenierung.

Präzises Timing, starke Mimik

Im Farbverlauf von Rosa bis Gelb reichen die Kostüme (Bühne und Kostüm: Nele Schiller & Kathrin Frech), welche die Figuren nur durch unterschiedliche, aber individuell gleichförmige Muster und Farben unterscheiden. Alle nebeneinander ergeben – zumindest oberflächlich – die Illusion einer schrecklich netten Familie. Was dahinter schlummert, ist natürlich jene Vielschichtigkeit, die ein Leben, die die Geschichte einer Familie so komplex, verbindend, trennend oder (un)erträglich macht.

Wovon die Inszenierung lebt, ist ein präzise strukturiertes Timing. Oftmals im zehrend echt gespielten Zeitlupentempo, dann wieder im Zeitraffer entstehen Familienszenen am Esstisch, vor dem Fernseher und für das obligatorische Familienfoto – ein von Erinnerungen, Träumen und Gefühlen geprägtes Zeitempfinden. Und sie lebt von der Haltung und Mimik des Ensembles, das Gefühlswelten jenseits fehlender Worte durch starken Ausdruck greifbar macht.

eine blau beleuchtete Bühne mit Haus und Untergrund, mehrere sichtbare Darsteller:innen

v.l.n.r. Florian Thongsap Welsch (Vater), Nele Holzmann (Oma), Saba Hosseini (Tochter), Jonathan Perleth (Mutter), Ioana Nițulescu (Sohn). Foto: Candy Welz

Da helfen gerade die Musik und der Sound (Musik: Hans Könnecke), mal ein Dröhnen, mal der richtige Song für die glückliche Familien-Tanzchoreografie (Choreografie: Rebecca De Toro). Alle Figuren fallen durch ihnen eigene Allüren auf, bekommen, wenn auch klischierte, Ecken und Kanten: Die Mutter (Jonathan Perleth), die nach geschafftem Familienessen am Fenster raucht. Der Vater (Florian Thongsap Welsch), der als Familienfels die Ordnung am Tisch hält. Oder der „verlorene“ Sohn (Ioana Nițulescu), der gerade herausfindet, dass das Familienzuhause nicht mit Idylle gleichzusetzen ist.

Zu konstruiert

Doch gerade all diese Andeutungen sind auch das Problem der Inszenierung. Weil alles Tiefsinnigere dahinter verborgen bleibt. Die Unordnung wird sicht- und fühlbar, wenn zum Beispiel die Tochter (Saba Hosseini) einen Anfall hat und zusammenbricht. Doch erzählt auch das letzten Endes nichts über die wirklichen Ängste, Hoffnungen oder Sehnsüchte für die das „blau“ im Titel vermutlich steht.

So bleiben unnahbare Figuren von einem Abend mit stark abstrahierten Bildern. Zurawski und Team vervielfachen Andeutungen in übereinander gelagerten Metaebenen. Das cleane Haus, strahlend weiß im Inneren, steht auf einem grau überwucherten Untergrund. Genauso wie die Geburtstagstorte für Mama von etwas überwuchert wird, das doch stark wie Schimmel-Geschwür aussieht. Die immer wieder ertönenden Hinweistöne eines Handys oder das Klingeln eines Telefons sind dabei die Störer, die durch die ganze Inszenierung hindurch den Lebensfluss irritieren. Doch geweckt wird nichts und niemand, auch wenn die zuvor noch toll tattrig gespielte Oma (Nele Holzmann) aus dem Jenseits am anderen Ende der Leitung ist. Für die unlogische Lebens-Konstruktion, in die Menschen so oft Sinn bringen wollen, bleibt schließlich auch diese Inszenierung zu konstruiert.

Aus der letzten Spielzeit ist übrigens das Bild des Hauses als Kreuz- und Angelpunkt verschiedener Schicksale mit Jenny Erpenbecks „Heimsuchung“ mit gutem Grund bundesweiter Abistoff und auch deshalb viel inszeniert worden – hier ist die Autorin im Podcast mit der DEUTSCHE BÜHNE-Redaktion. Wie ein Ort Besitz ergreift und selbst in Besitz genommen wird, ist Schauplatz ihres dichten und lesenswerten Romans über ein knappes Jahrhundert hinweg von der Weimarer Republik bis zur Wende an einem See in Brandenburg. In diesem Text wird das Haus als Abstraktionsort durch klar gezeichnete Schicksale und deren Verstrickung greifbarer.