Len Ghandour sitzt auf dem Boden vor einer riesigen Koralle. Ramona Petry liegt hinten auf der Koralle.

Lasse, Lasse, wie tief ist das Wasser?

Leah Luna Winzely: Der Wassermann

Theater:Theater Münster, Premiere:09.10.2026 (UA)Regie:Sergej Gößner

Sergej Gößner inszeniert am Theater Münster die Uraufführung von Leah Luna Winzelys „Der Wassermann“: Eine Geschichte über abwesende Väter, die jungem Publikum ab zehn Jahren auf Augenhöhe begegnet.

Stille Wasser sind tief und undurchsichtig. Vom Boden des Pools kann man den Beckenrand kaum sehen. Eine ganze Welt der Einsamkeit, im Kopf, im Wasser. Und Lasse ist gesprungen. Vom Zehner, von ganz oben, von da draußen. Jetzt ist er hier unten gefangen. „In den Tiefen ist man meist alleine. Außer man wird gefunden. Selbst wenn man es nicht für möglich hält, kann man durchaus gefunden werden!“ Und Ju findet ihn.

Leah Luna Winzelys „Der Wassermann“ balanciert auf einem Steg zwischen Fantasie und Realität, lässt deren Grenzen verschwimmen und unwirklich werden. Teilweise so sehr, dass selbst im Publikum nicht ganz klar ist, was tatsächlich passiert. Hauptfigur Lasse lebt mit seiner Mutter. Einen Vater gibt es nicht. Dafür eine Leerstelle, einen Hohlraum, der übergroß in Lasses Leben klafft und den er verzweifelt zu füllen versucht. Die Vorstellung, wie sein Vater sein sollte, wie er ist, existiert so klar in Lasses Kopf, als säße er neben ihm. Und das tut er auch, wenn Lasse im Bett liegt und die Augen schließt.

Von Wassermännern und Wirbelstürmen

„Der Wassermann“ von Sergej Gößner zeigt unterschiedliche Perspektiven darauf, wie es ist, mit einer Leerstelle zu leben. Lasse versucht, die Leerstelle zu füllen, indem er alle Informationen über seinen Vater sammelt, die er kriegen kann: Lasses Vater ist im Februar geboren, er ist Wassermann. Und Wassermänner sind laut Internet viel unterwegs, Visionäre, Helden des Alltags. Bei Ju, Lasses Freund:in, ist das anders. Jus Vater ist auch nicht da. Aber das ist gut so. Ju weiß das. „Wenn er da war, wurde es richtig dramatisch. Alles flog durch die Luft. Manchmal sogar wir.“ Für Ju bedeutet die Leerstelle „Vater“ Raum zum Atmen.

Len Ghandour und Rosalia Warnke sitzen vorne in der Mitte der Bühne auf dem Boden und trinken aus Tassen. Rosalia Warnke trägt einen Bademantel, Len Ghandour T-shirt und kurze Hose.

Rosalia Warnke und Len Ghandour. Foto: Sinje Hasheider

Die Inszenierung am Theater Münster stellt diese beiden Perspektiven nebeneinander, ohne zu bewerten. Wenn Ju und Lasse aufeinandertreffen, ist das ein stilles Verstehen, ein Bonding-Moment, ein Finden und Gefunden-werden. Die beiden gegen den Rest der Welt. Eine Welt, die keinen Platz für Leerstellen hat. Ständig werden Lasse Fragen gestellt, auf die er keine Antworten findet. Was soll er auch sagen, wenn die Mitschüler:innen hämisch nach seinem Wassermann fragen, wenn die Lehrerin den Vatertag zum Unterrichtsthema macht.

Len Ghandour ist als Lasse die Konstante und Identifikationsfigur des Stücks. Alle weiteren Rollen werden durch kleine Änderungen im Kostüm, durch Requisiten und die Szenen selbst gesetzt: Rosalia Warnke wechselt zwischen Mutter und Lehrerin, Ramona Petry zwischen Ju und Schülerschaft. Dabei schaffen es alle drei, das Publikum mit neurotischem Erwachsensein oder kindlicher Ernsthaftigkeit für sich einzunehmen. Die ganzen Ortswechsel, Lasses Zuhause, Schule, Schwimmbad und Meer, passieren vor allem auf klanglicher Ebene. Das Sounddesign (Anastazja Hüer) wird zur akustischen Kulisse. Das funktioniert gut, vor allem, weil das Bühnenbild (Lukas Fries) mit einer Art weißem Korallengerüst den Großteil des Stücks recht abstrakt bleibt. Es ist der universelle Handlungsort der Bühne, mal als Klettergerüst, mal als Kinderzimmer, mal als Zehnmeterturm.

Doppelt hält besser?

Trotz des schweren Themas schafft es Regisseur Sergej Gößner, die Geschichte sowohl für Kinder als auch Erwachsene unterhaltsam und auf Augenhöhe zu gestalten. Es gibt viele Wortspiele, der Text ist locker wie poetisch. Gleichzeitig fällt nicht nur einmal das Wort „Scheiße“, was im jungen Publikum für reges Kichern sorgt. Die dramatischen Spannungen im Stück passieren vor allem zwischen Lasse und Ju, nicht zwischen Lasse und den Erwachsenen in seinem Leben. Wenn die beiden sich im Schwimmbad vertragen, sind sie gemeinsam mutig und springen vom Zehnmeterturm. Ein Adrenalinkick, den wohl jeder, unabhängig vom Alter, nachvollziehen kann. So wird die Abwesenheit von Lasses Vater nicht aufgelöst. Stattdessen findet er einen Weg, mit ihr umzugehen.

Was inszenatorisch ein guter Schlusspunkt des Stücks gewesen wäre, setzt sich bei „Der Wassermann“ epiloghaft weiter fort: Nach dem Schwimmbad packen Lasse und Ju ihre Sachen, fahren spontan ans Meer, um Lasses Brief zum Vatertag den Wellen zu übergeben – das wohl einprägsamste Bild auf der Bühne. Hier werden blaue wellenförmige Leuchtröhren von der Decke runtergefahren. Die drei Darsteller:innen thronen auf dem Korallengerüst, umgeben von Meer. Als Cherry-on-top fliegt ein Delfin-Luftballon via Drohne über das Publikum. Alles, was bleibt, ist „maritimes Rauschen“.