Das Ensemble sitzt in einer Badewanne. Eine Person hat ein Ruder in der Hand.

Bloß nicht unterkriegen lassen – oder?

Thornton Wilder: Wir sind noch einmal davongekommen

Theater:Theater Trier, Premiere:10.10.2026Regie:Tanju Girişken

Mit einem Endzeit-Klassiker weiht das Theater Trier seine neue Ausweichspielstätte ein: Thornton Wilders „Wir sind noch einmal davongekommen“ kommt allerdings stellenweise recht harmlos daher.

Es kommt ja wirklich alles vor, was unsere Generation – ach was, die vorhergehenden ebenso wie die folgenden – beschäftigt: Klimawandel, Eiszeit, Dürre, Hungersnöte, Überschwemmungen, Flüchtlingsströme, Fremdenfeindlichkeit, Artensterben. Dazu gesellen sich, je nach persönlichen Umständen: renitente Teenager, Eheprobleme und Ärger mit dem Hauspersonal. Zugegeben: Letzteres betrifft eher eine hauchdünne Oberschicht. Alles in allem jedoch ist dieses mehr als 80 Jahre alte Theaterstück so schmerzhaft aktuell wie nie.

Warum, so fragt man sich, dauert es denn bis nach der Pause, bis im dritten Akt der Funke endlich überspringt und das Geschehen tatsächlich anrührt? Bis dahin hat der Regisseur Tanju Girişken aus Thornton Wilders apokalyptischem Endzeitstück „Wir sind noch einmal davongekommen“ eine harmlos-lustige, stellenweise alberne Farce gedrechselt, die über oberflächlichen Unterhaltungswert nur selten hinausreicht und für Publikumsschwund („Das ist mir zu blöd!“) bereits im ersten Akt sorgt.

Wilder schrieb sein Theaterstück 1942 unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs, in den die USA zum Zeitpunkt der Uraufführung knapp ein Jahr zuvor eingetreten waren. Die amerikanische Durchschnittsfamilie mit dem sprechenden Namen Antrobus durchlebt stellvertretend für die gesamte Menschheit alles, womit diese immer wieder zu kämpfen hat. Und endet doch, typisch amerikanisch, stets auf einer positiven Note: Wir machen weiter. Egal, was kommt. Es kann ja nur besser werden.

Hickhack um Theaterbau

Bei der Trierer Aufführung gewinnt dieses Motto zudem eine ganz eigene, lokalspezifische Bedeutung. Mit dieser Aufführung wird das „Wechselwerk“ eingeweiht, das während der knapp vierjährigen Renovierung des in die Jahre gekommenen Theaterbaus, nach Plänen des Architekten Gerhard Graubner 1964 eröffnet, als Schauspielstätte dient (und danach diversen Amateur- und semiprofessionellen Theatertruppen zur Verfügung stehen wird). Sie ist das Ergebnis langwieriger Diskussionen und Verhandlungen, in deren Verlauf von einigen Seiten sogar die Notwendigkeit eines eigenen Theaters für die Stadt in Frage gestellt wurde. Der Regisseur hat es sich nicht nehmen lassen, das Hickhack zumindest zu streifen: in Gestalt des Spielleiters, der die Handlung immer wieder unterbricht und entsprechende Bemerkungen vom Stapel lässt.

Susanne Schieffer steht in der Mitte der Bühne als griechische Säule verkleidet und hält Kabel in der Hand. Im Hintergrund stehen Martin Geisen (links) und Joana Tscheinig mit Büchern in den Händen.

Die Haushaltshilfe Sabina (Susanne Schieffer) bekommt ihren Text vom Spielleiter (Martin Geisen) seiner Assistentin (Joana Tscheinig) eingeflüstert. Foto: Theater Trier / Benjamin Westhoff

Was für Irritationen bei den Mitwirkenden sorgt, vor allem beim Dienstmädchen Sabina, das Susanne Schieffer als kesse, selbstbewusste, trotzige und schlagfertige Gastarbeiterin aus Griechenland inklusive Kapitell auf dem Kopf spielt, die das Stück, wie sie dem Publikum anvertraut, überhaupt nicht versteht. Einen Rollentausch gibt es beim Ehepaar Antrobus: Nicht Mr., sondern Mrs. Antrobus, von Barbara Ullmann als souveräne, resolute Businesswoman gespielt, die am Ende, resigniert und ausgebrannt, auf ihre auseinanderfallende Familie schaut, erfindet hier das Rad und das Alphabet, während ihr Gatte sich um Haushalt, Personal und Kinder kümmert. Der Geschlechterwandel fügt dem Stück allerdings keine weitere nennenswerte Bedeutungsebene hinzu – bis vielleicht auf die Hoffnung, dass mit Frauen am Ruder alles besser werden könnte, und der Tatsache, dass das Dienstmädchen mit der Hausherrin statt, wie im Original, dem Hausherrn eine Affäre hat.

Das Beste zum Schluss?

Harald Pilar von Pilchau, als Höhlenmensch mit Zottelmähne und fußlangem Pelz (Kostüme: Lisa Chiara Kohler), versucht sich als verständnisvoller Vater und Hausmann, versagt aber kläglich bei der Erziehung seiner pubertären Tochter Gladys (wild und zickig: Eva Stempel) und seinem Sohn Henry, gespielt von Aicha Bracht. Sie läuft im letzten (und intensivsten) Akt, nachdem die Welt durch einen Krieg komplett zerstört und vor allem verseucht ist – die Darsteller tragen zum Schutz vor Viren und Bakterien gelbe Ganzkörperanzüge – zu Hochform auf: aggressiv und unbeherrscht, störrisch und uneinsichtig ist sie das personifizierte Böse, die sich damit brüstet, in diesem Krieg wahllos getötet zu haben, und das auch künftig zu tun gedenkt.

Martin Geisen und Joana Tscheinig komplettieren das Ensemble mal als Dinosaurier und ausrastender Spielleiter beziehungsweise Berichterstatterin und kapriziöse Wahrsagerin. Lisa Chiara Kohler hat für die deutlich kleinere Bühne (mit entsprechend reduzierter Bühnentechnik) ein leicht wandelbares Bühnenbild mit Eisbergen, Höhlen und beweglichen Wohnstätten entworfen und den vorhandenen Raum geschickt genutzt. Am Ende die Erkenntnis: Wer im Publikum bis zum Schluss durchgehalten hat, wurde dann doch noch belohnt – zumindest ein bisschen.