eine Person referiert auf einer Bühne vor dem Deutsche Bahn Logo

Ein Beförderungsfall

Calle Fuhr: Die Deutsche Bahn AG

Theater:Schauspiel Köln, Premiere:09.10.2026 (UA)Regie:Calle Fuhr

„Die Deutsche Bahn AG“ ist Calle Fuhrs neuester „Bühnenessay“ am Schauspiel Köln. Mit dem investigativen Recherchetheater reißt er im Show-Format das Publikum mit und macht erneut ein komplexes Thema nahbar erlebbar.

Steht der Zustand der Deutschen Bahn AG für den Zustand des Landes? Diese Frage stellt Calle Fuhr zu Beginn des „tragisch komischen Bühnenessays“ vorsichtig in den Raum. Der Hausautor und -regisseur am Schauspiel Köln geht für diesen Bühnenessay – wie in vorherigen: „Aufstieg und Fall des Herrn René Benko“, „Krieg und Frieden“ – zurück in der Geschichte. Auch diesem Abend ist also eine großflächige Recherche vorangestellt. Seit zwei Jahren habe er sich mit der Bahn beschäftigt, erzählt Fuhr, inklusive der Aufzeichnung von Live-Verspätungsdaten für einen Monat am Hauptbahnhof Köln und Düsseldorf für eine differenziertere Analyse der Verspätungen.

„Die Deutsche Bahn AG“ ist Teil des Programms Theater und Journalismus am Schauspiel Köln. Wo Fuhr und Team in früheren Arbeiten mit Recherchekollektiven wie DOSSIER oder CORRECTIV zusammenarbeiteten, verantwortet hier nun allein das Haus die Recherche plus den veröffentlichten Faktencheck.

Showmaster auf Augenhöhe

Warum überhaupt investigatives Theater? Das Schauspiel Köln versteht Fuhr als Medienhaus, das erzählte er bereits im Frühjahr in einem Interview beim Covershooting für Ausgabe 4/25 der DEUTSCHEN BÜHNE: Das Theater als Schnittstelle für das Vermitteln gesellschaftsrelevanter Inhalte über die verbindende Live-Erfahrung, bei der es darum geht, etwas aus dem Leben besser verstehen zu lernen – bei der Deutschen Bahn ein Thema, zu dem die meisten Zuschauer:innen eine (emotional geprägte) Einstellung haben dürften.

Dass auch dieser Auftritt ohne eine klassische dramatische Handlung das Publikum mitreißt, liegt an Fuhr. Ganz alleine bespielt er über die guten anderthalb Stunden die Bühne im frisch wiedereröffneten Schauspiel Köln am Offenbachplatz mit unaufdringlichem Charisma, zwischen selbstbewusstem Auftreten und einer Augenhöhe mit dem Publikum. Er dringt in den Komplex Deutsche Bahn unterteilt in sechs Unterkapitel ein und macht ein faktenbeladenes Thema zum nahbaren Theaterabend. Irgendwo zwischen inszenierter Live-Doku und unterhaltsamer Talksendung erscheint Fuhr im Hemd im Scheinwerferlicht inszeniert (Lichtdesign: Jürgen Kapitein) als Showmaster durch die sich öffnende Schiebetür in der Mitte der weißen Wand (Bühne und Kostüm: Marleen Johow), die den Rest des Abends als Projektionsfläche dient. Schnell noch zieht er sich die rechts am Haken hängende Anzugsjacke über – los geht’s!

Wissens-Mehrwert

Im Wechsel erscheinen auf dieser Wand Recherche-Daten, Videoausschnitte (Videoart: Fabian Klein) oder Organigramme über Tochterfirmen des Konzerns. Fuhr führt von der Gründung der Deutschen Bahn AG aus Deutscher Bundesbahn und Deutscher Reichsbahn mit Bahnchef Dürr und der Bahnreform über Hartmut Mehdorn und dem Versuch, die Bahn an die Börse zu bringen, dann das Bundessschienenwegeausbaugesetz von 1993 zur Bemühung einer Verbesserung der verschleißenden Schienen bis hin zur Vollkatastrophe um Stuttgart 21, politische Interessen hinter dem Konzern und dem aktuellen Status quo. Dramaturgisch wird die Spannung durch präzise getimte Wechsel gehalten: Eine Mischung aus Vortrag, Projektion oder schließlich groß angekündigtem Gast und Verkehrsminister Steffen Bilger (der natürlich nicht auftaucht).

eine Person auf einer Bühne vor einem projizierten Organigramm

Der Showmaster vor dem DB-Organigramm mit personellen Verbindungen zur Auto-Industrie. Foto: Anna Sargolla

Fuhr arbeitet Konfliktpunkte des allmählichen Niedergangs der Aktiengesellschaft in den Vordergrund. Der Auftritt ist weder Schimpftirade auf beispielsweise den unbeliebten Manager Mehdorn noch überzeichnete Satire. Am Ende nimmt man einen Wissens-Mehrwert aus einem direkten Alltagsthema mit. Der Bogen zum Status Quo ist der Teil, an dem Fuhr schließlich über die DB hinauswill, zum Mehrwert durch Verstehen und Verbindung – hin also auch zum Mehrwert von Theater. Offen stellt er am Ende drei mögliche Hebel für eine Verbesserung der Bahn in den Raum und dass, auch wenn gerade so vieles im Land den Bach runtergeht, Bürger:innen dennoch nicht die Selbstwirksamkeit verlieren. Mit dem Thema scheint Fuhr zudem einen Nerv zu treffen: „Die Deutsche Bahn AG“ ist eines von zwei Stücken der Spielzeit, die sich mit der AG auseinandersetzen. Im Dezember hat „Endstation Gießen – Eine endlos verfahrene Krimikomödie“ am Stadttheater Gießen Premiere.