„Haus zur Sonne“ nach dem Roman von Thomas Melle am Schauspiel Hannover. Nebenschwaden am Boden, in einem dunklen Raum, der nur von hinten durch einen strahlendes Licht durchbrochen wird. Davor steht ein Mann im Gegenlicht.

Das Ende von Anton

nach Thomas Melle: Haus zur Sonne

Theater:Schauspiel Hannover, Premiere:09.10.2026 (UA)Regie:Adrian Figueroa

Check-In für den permanenten Check-Out: Am Schauspiel Hannover inszeniert Adrian Figueroa die Uraufführung von Thomas Melles Suizid-Roman „Haus zur Sonne“. In eindrücklichen Bildern umkreist die Regie die Thematik, wo der Autor voll draufhält.

Anton kann nicht mehr. Er möchte Schluss machen. Die bipolare Störung ist einfach zu viel für ihn. „Endlich hatte ich die Kontrolle zurück“, sagt er, als er sich fürs Einchecken ins Haus zur Sonne entscheidet – einem merkwürdigen Institut, das, bevor die Klient*innen dort Sterbehilfe erhalten, ihnen noch einmal virtuell alle Wünsche erfüllt. Anton reist an einen Kindheitsstrand. In eine Umarmung, in seine wenig rosige Zukunft, in Varianten seines eigenen Todes. Und will aber eigentlich nur weg: „Können wir die ganze Simulations-Thematik nicht überspringen und gleich meinen Abgang in Angriff nehmen?“, fragt er.

Melle thematisiert in seinen Romanen immer wieder seine eigene bipolare Störung. „Die Welt im Rücken“ handelt davon. Und eben „Haus zur Sonne“. „Ich hatte gehofft, mit meinem damaligen Buch dieses Monstrum von Krankheit vielleicht auf irgendeine Weise domestiziert zu haben“, lässt der Autor seine Figur Anton sagen. Doch die Krankheit lässt sich nicht domestizieren. Und so landet Anton im Haus zur Sonne, mit seinen Räumen aus grauem Glas und einem Pool aus Kunstnebel, in dem er und die anderen Klient*innen sich aalen, bis es Zeit fürs permanente Auschecken wird.

Wie viel Leid ist genug?

Regisseur Adrian Figueroa lässt die Kulisse immer wieder hoch- und runterfahren. Leere wechselt sich mit Simulationen und Szenen in den Klinik-Räumen ab. Immer wieder taucht eine Leinwand auf. Anton darf als Ich-Erzähler direkt in die Kamera sprechen und von sich erzählen. Es ist viel Bewegung im Bühnengestänge und in der Kombination aus Videokameras, Licht und Nebel findet Figueroa tolle Bilder für und spannende Perspektiven auf die Bühne. Solange, bis Anton zur letzten Szene sich den Lichtstrahlen eines hellen Spiegels ergibt, als flöhe er entweder in die Freiheit – oder in den Tod. Beides ist zwar am Anfang der Geschichte noch deckungsgleich, am Ende aber eben nicht mehr. Welches von beidem er wählt, bleibt offen.

„Haus zur Sonne“ nach dem Roman von Thomas Melle am Schauspiel Hannover. Ein Mann sitzt im Hintergrund , davor halb liegend drei Personen.

„Haus zur Sonne“ am Schauspiel Hannover in der Regie von Adrian Figueroa. Foto: Jörg Brüggemann, Ostkreuz

Assistierter Suizid ist sicherlich ein Thema, das sich lohnt, auch einmal auf der Theaterbühne oder in der Literatur auseinanderzunehmen – gerade, wenn es psychische Krankheiten betrifft. Ist der Wunsch nach dem Tod ein Symptom der Krankheit oder tatsächlich eine Erlösung für einen ausbehandelten Menschen? Wer kann und darf wann unter welchen Umständen eine Entscheidung für den Tod treffen? Wie viel Leid ist genug? Melles Text versucht, aus einer Innenperspektive, mit diesen vertrackten Fragen umzugehen, auch, indem die Debatte um die abstrakten Themen sprachlich in erdigen Zynismus überführt wird.

Stilistische Reibefläche

Dennoch bleibt, zumindest in Figueroas Inszenierung, die Sprache oft sehr künstlich, wirkt eher konstruiert, was nicht unbedingt zu der ihr eigenen Schnoddrigkeit passen mag. Im Roman hat die Sprache eine schön surreale Sperrigkeit. Im Staatstheater mag sich an der stilistischen Reibefläche nur manchmal etwas entzünden.

Gleichzeitig wirkt die Inszenierung – die ansonsten als handwerklich präzise Bühnenmaschine daherkommt – seltsam bieder. Als müsste das Thema, bevor es dem Publikum zugemutet wird, poetisch verwischt, diskret geschnitten, in Bühnennebel gehüllt werden, sodass nur die Umrisse erkennbar sind, wo der Text des Romans voll draufhält. Selbstverständlich, es wird immer noch der assistierte Suizid künstlerisch bearbeitet. Die hannoversche Inszenierung schleicht aber – sei das nun gewollt oder nicht – um Begriffe herum, versteckt sich hinter doppeldeutigen Bildern, wo vielleicht etwas mehr Klarheit angebracht gewesen wäre.