eine Person im Porträt, sie lehnt sich oben mit den Händen an einen Balken

„Da ist mehr drin“

Calle Fuhr will durch Formate, die Theater und Journalismus verbinden, komplexe und aktuelle Themen zugänglich machen. Der Performer, Autor und Regisseur hat sich im Investigativtheater einen Namen gemacht und ist seit der Spielzeit 2025/26 Teil des Leitungsteams am Schauspiel Köln.

Was für ein Luxus: In jeder Stadt haben wir diese Millionenhütten, das ist doch unglaublich. Sobald wir unsere deutschsprachige Blase verlassen, zeigen uns die Leute ja einen Vogel“, sagt Calle Fuhr, Hausautor und -regisseur am Schauspiel Köln und Teil des Leitungsteams. Er sieht großes Potenzial in der deutschen Theaterdichte, findet aber auch: „Da ist mehr drin.“

Dieses „mehr“ beginnt für ihn in der Verbindung von Theater und Journalismus. Genauso heißt auch ein vom Schauspiel Köln und der Rechercheplattform CORRECTIV ins Leben gerufenes Projekt, das auf theaterundjournalismus.de die Verbindung beider Disziplinen als „gemeinschaftlich erfahrbare Information“ und „Raum für Austausch“ beschreibt, als Beitrag zum Demokratiediskurs. Zudem ist das Schauspiel Köln mit acht anderen europäischen Theatern Teil des von der EU mit einer Million geförderten Projekts TRUth on STage – Stories, Journalism, Theatre, kurz TRUST. Für das bis Ende Juni 2028 laufende Projekt, das das Schauspiel Köln zusammen mit der European Theatre Convention leitet, wurde am Haus eine Journalistin angestellt.

Bühnenessays

In einigen Formaten, die Fuhr „Bühnenessays“ nennt, steht er als Selfmade-Performer selbst auf der Bühne. Wie in „Krieg und Frieden“, das mit Lew Tolstois Epochenchronik außerhalb des Titels nicht viel zu tun hat, dafür aber mit Russland, der Ukraine, deutscher Gasabhängigkeit und Wehrpflicht. Fuhr fängt damit ein aktuelles Gefühl ein: „Was wäre, wenn? Was würde ich machen?“ Wie bei einem Volksschulvortrag steht er da allein auf der Bühne, hinter ihm sind zwei Bildschirme aufgestellt, darauf läuft eine Art PowerPoint-Präsentation.

Auf diese Weise referierend, stützt sich Fuhr in seiner Erzählung auf die Recherchen von CORRECTIV. Welche Art von Theater die Bühnenessays sind, an denen Fuhr eher einen TED-Talk hält, als wie ein Schauspieler zu agieren, befeuert bereits Diskussionen in der Theaterwelt und -berichterstattung. Doch wirkt der Abend durch eine Mischung aus interessanten, in einer Geschichte verpackten Fakten und Fuhrs lässigem Charme so einnehmend, dass man ihm die anderthalb Stunden lang sehr gerne folgt.

ein Darsteller auf der Bühne, ernst gestikulierend

Calle Fuhr in „Krieg und Frieden“. Foto: Anna Sorgalla

Mit solchen Bühnenessays, aber auch als Autor und Regisseur hat Fuhr seinen Platz im Theater gefunden. Seine Laufbahn begann „mit einer Wildcard“, wie er es nennt, ohne Ausbildung gleich nach dem Abitur. Gerade noch im Jugendclub, bewarb er sich mit 18 Jahren auf eine kurzfristig ausgeschriebene Regieassistenz am Schauspielhaus Düsseldorf, bekam einen Vertrag für drei Monate und danach eine Verlängerung: „Das war komplett überfordernd“, erinnert sich Fuhr lachend, „tausend Euro brutto habe ich da verdient. Es war ein sauschönes Jahr.“ Nach der Assistenz schrieb er sich dann erst mal an der Humboldt-Universität in Berlin für Altgriechisch ein, das hatte er auch schon im Leistungskurs. Doch dann bot Regisseur Dušan David Parřízek, den er aus Düsseldorf kannte, ihm eine Assistenzstelle am Volkstheater Wien an. Dort vertraute ihm Intendantin Anna Badora 2017 die erste Regiearbeit an: „Philoktet“ von Heiner Müller mit Darstellerin Stefanie Reinsperger.

Zwischen Berlin, Wien und Rheinland

Fuhrs Karriere gleicht einer Dreiecksbeziehung zwischen Berlin, Wien und dem Rheinland. Nach der Assistenz in Wien versuchte er sich als freier Regisseur und zog nach Berlin. Dann folgte eine Rückkehr nach Düsseldorf und vorerst ein Ausstieg aus dem Theater, Fuhr suchte sich einen Job in der Gastro: „Die Realität ist simpel: Ich war pleite und hatte keine neuen Jobs“, erinnert er sich. „Ich bin dankbar, dass ich diesen Schritt mal gemacht habe. Gerade die Theaterwelt versucht sich permanent selbst zu vergewissern, dass sie das Wichtigste ist, was es gibt, irgendwann glaubt man das. Und das hat mir die Chance gegeben, mich neu zu verlieben.“

Denn von Kay Voges kam zum Start seiner Intendanz 2020/21 das Angebot, mit ans Wiener Volkstheater zu gehen. Beide kannten sich von einer Produktion von Berliner Ensemble und Schauspiel Dortmund. In Wien begann nun die Verbindung von Theater und Journalismus bei dem von Fuhr geleiteten Format Volkstheater in den Bezirken, bei dem mit dem Magazin DOSSIER eine erste Arbeit über Red Bull entstand. Es folgte „Heldenplätze“ über Toni Sailer, die österreichische Ikone, den Sänger, Schauspieler und Skirennläufer, gegen den es in den 1970er-Jahren Missbrauchsvorwürfe gab.

Theater und Journalismus

Warum gerade Journalismus im Theater besonders gut funktionieren soll, ist für Fuhr klar: „Weil wir die ungeteilte Aufmerksamkeit eines Livepublikums genießen.“ Durch ein mediales Überangebot und eine fehlende gemeinsame Grundlage würden Debatten so schwer vorangehen: „Wenn du aber 90/120 Minuten zusammen in diesem Saal saßest, dann ist auf einmal eine Grundlage geschaffen.“ Gerade bei „Aufstieg und Fall des Herrn René Benko“ von 2024 über die Pleite des Immobilienunternehmens Signa Holding habe er oft gehört: Wir gehen ja eigentlich nicht ins Theater, aber das Thema hat uns so interessiert.“ Fuhr möchte die Welt besser verstehen, und gerade in einer „sehr hochkulturell verstandenen Theaterblase“ sei das schwer: „Bis heute, wenn ich mir mal Castorf-Abende anschauen sollte, verstehe ich nichts und frage mich, für wen ist das, außer für Herrn Castorf selber?“

Neben den Bühnenessays – Fuhrs Performance funktioniert auch in einem vom Schauspiel auf YouTube veröffentlichten Video über den Staatsminister für Kultur und Medien Wolfram Weimer und die Notlage der deutschen Filmbranche – macht er auch Ensembleproduktionen, die journalistische Recherchen inkludieren. Das habe den Vorteil, verschiedene Perspektiven aufzugreifen und erlebbar zu machen. Beispielsweise bei „Dat Wasser vun Kölle es jot“ von 2026 am Schauspiel Köln über die Wasserqualität des Rheins.

Theater mit Konfliktlinien

„Theater funktioniert ja sehr über Konfliktlinien“, so Fuhr, „und auf einmal hast du dramatisches Material über die Frage, wie viele Gifte in den Rhein geleitet werden sollen. In Talkshow-Formaten kannst du Politiker:in XY Aktivist:in XY gegenübersetzen, aber da sind die Fronten schnell klar. Im Theater können wir sie weicher halten.“ Tatsächlich funktioniert das Ensemblestück mit einer Art rechteckigem Wassersarg auf der Bühne wie eine spannende Krimikomödie, die dem Publikum erschreckende Zahlen wie 30000 in den Rhein geleitete Chemikalien präsentiert.

Drei Darsteller:innen vor einem kleine Pool auf einer Bühne

Andreas Beck, Uwe Rohbeck und Rebekka Biener in „Dat Wasser vun Kölle es jot“ am Schauspiel Köln. Foto: Anna Sorgalla

Gerade bei „Aufstieg und Fall des Herrn René Benko“ sei der Faktencheck, so Fuhr, besonders aufwendig gewesen. Die Inszenierung, die, am Volkstheater für die kleine Bühne geplant, wegen hoher Ticketnachfrage schließlich auf die große Bühne verlegt wurde, hatte einigen juristischen Nachhall. Doch Anwaltsschreiben und Drohgebärden nutzt Fuhr gerne auch mal als Material. Benkos Steuerberaterin beispielsweise habe eine Mail geschrieben und gefordert, dass ihr Foto nicht mehr im Stück auftaucht. Ein Grund für das Inszenierungsteam, die Figur noch größer zu machen: „Wir haben nach ihrem Wunsch das Foto rausgenommen, und dann habe ich im Stück gesagt: Wenn jemand aus dem Publikum auf die Idee kommen könnte, Karin Fuhrmann zu googeln, um sich ein Bild zu machen, kann ich niemanden davon abhalten.“

Recherchearbeit als Vollzeitjob

Auch bei „Krieg und Frieden“ spüre er, wie die Inszenierung Wellen schlägt: „Da gibt es Leute, die Verschiedenes von ‚Kriegstreiber‘ bis ‚Danke schön‘ reinrufen.“ Auf einer Kölner Demo vom Deutschen Gewerkschaftsbund für ein Nein zur Wehrpflicht, zu der er eingeladen war, sei er ausgebuht worden: „Ich stelle mich nicht dort hin und schreie: ‚Nein, nein, nein‘, sondern versuche mich der Vereinfachung zu erwehren. Und da habe ich nur mit dem Satz eröffnet: ‚Ich halte Russland für einen Aggressor.‘“

Gerade arbeitet Fuhr an „Die Deutsche Bahn AG“, wofür er zu Hause mit zwei Rechnern die Live-Verspätungsdauer der Deutschen Bahn bei den Haltestellen Köln Hauptbahnhof und Köln Messe/Deutz speichert, um die Zeiten mit der veröffentlichten Statistik für ganz Deutschland zu vergleichen. Diese Recherchearbeit sei durchaus ein Vollzeitjob, findet er. Auch das war für ihn ein Grund, warum er Voges in der Wien-Zeit irgendwann gekündigt hatte. Der organisatorische Part war zu groß, der künstlerische zu klein. Nun in Köln ist Fuhrs Stelle anders aufgebaut: weniger Organisation, mehr künstlerische Freiheiten.

Das Schauspiel Köln als Medienhaus

„Die Deutsche Bahn AG“ läuft nicht in Zusammenarbeit mit CORRECTIV oder DOSSIER: „Wir haben jetzt eine Hausjournalistin. Wie cool wäre das, wenn wir in fünf Jahren eine Redaktion hätten, vielleicht ein Magazin rausbringen, Böhmermann Konkurrenz machen?“, visioniert Fuhr. Angesichts der Streichungen von DuMont Verlag und Springer sieht er das Schauspiel Köln auch als Medienhaus. Sein Credo scheint: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. „Ich fände schön, wenn wir uns von den im eigenen Sud kochenden Debatten verabschieden. Wir fragen uns, ob wir noch Teil des Diskurses sind, ob wir noch Relevanz haben, und interessanterweise geben uns die Demokratiefeinde eine klare Antwort: ‚Ihr seid extrem relevant.‘ Was wir mit dieser Sparte versuchen zu zeigen, ist: Die Welt ist komplex, sie ist wirr, aber es lohnt sich, da hinzusehen und sich nicht zu verschließen und nach einfachen Antworten zu suchen.“

Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr. 4/2026.