Manderley brennt wieder

Michael Kunze, Sylvester Levay: Rebecca

Theater:Theater Dortmund, Premiere:19.09.2026Vorlage:basierend auf dem gleichnamigen Roman von Daphne du MaurierAutor(in) der Vorlage:Michael KunzeRegie:Gil MehmertMusikalische Leitung:Carlos Vázquez, Olivia Lee-Gundermann, Michael ShannonKomponist(in):Sylvester Levay

Zwanzig Jahre nach der Wiener Uraufführung ist „Rebecca“ erstmals im regulären Spielplan eines deutschen Stadttheaters zu sehen. Gil Mehmert inszeniert den Musicalthriller von Michael Kunze und Sylvester Levay am Theater Dortmund mit viel Gespür für Atmosphäre. Getragen wird der umjubelte Abend von einer hochkarätigen Besetzung.

Die Titelfigur dieses Musicals betritt nie die Bühne. Rebecca ist längst tot, als die Geschichte beginnt, und beherrscht trotzdem jede Szene. Auch im Theater Dortmund zieht sie das Publikum in ihren Bann, das hörbar mitgeht und die großen Nummern mit Szenenapplaus belohnt. Überraschend ist das nicht. Michael Kunze und Sylvester Levay haben mit „Elisabeth“ und „Mozart!“ zwei der erfolgreichsten deutschsprachigen Musicals geschrieben. Auch „Rebecca“ wurde nach der Uraufführung 2006 im Wiener Raimund Theater gefeiert und ist seither in 15 Ländern gelaufen. Vorlage ist Daphne du Mauriers gleichnamiger Roman von 1938, den Alfred Hitchcock zwei Jahre später verfilmte.

Gesellschafterin und Dienstherrin im Hotel in Monte Carlo: Antonia Kalinowski als das „Ich“ und Amani Robinson als Mrs. van Hopper. Foto: Björn Hickmann

Im Frühjahr 1926 begleitet eine junge Frau die reiche Amerikanerin Mrs. van Hopper als bezahlte Gesellschafterin nach Monte Carlo. Im Stück heißt sie nur Ich. Kann man Gesellschaft also kaufen? Die Frage stellt sich neu, als das Ich dort den verwitweten Maxim de Winter kennenlernt. Der wohlhabende Engländer kann ihr geben, was keine Anstellung bietet, nämlich Liebe und ein eigenes Leben. Einen Namen gibt ihr auch der Roman nicht. Du Maurier gab später zu, ihr sei schlicht keiner eingefallen. Aus der Verlegenheit wurde ein Kunstgriff, denn so steht sie als namenlose neue Ehefrau von Beginn an im Schatten ihrer Vorgängerin.

Wer diese erste Ehefrau war, erfährt sie nach einer überstürzten Hochzeit. Voller Hoffnung folgt sie Maxim auf seinen Landsitz Manderley an der Küste Cornwalls und will dort ihren Traum von einem neuen Leben verwirklichen. Doch das Haus gehört noch immer Rebecca, die ein Jahr zuvor beim Segeln ertrunken sein soll. Ihre Zimmer sind unberührt und ihre Orchideen werden weiter gepflegt. Dafür sorgt die Haushälterin Mrs. Danvers, die Rebeccas Andenken mit fanatischer Hingabe lebendig hält. Die neue Herrin akzeptiert sie nicht. Mit leiser Grausamkeit lässt sie die junge Frau spüren, dass sie Rebecca niemals ersetzen kann.

Liebe im Zeitraffer

Bevor die Geschichte in Manderley ankommt, hat es das Musical allerdings eilig. Der Weg vom Kennenlernen bis zum Heiratsantrag wirkt etwas gestaucht. Schon bei du Maurier geht alles sehr schnell, doch der Roman nimmt sich viele Seiten für die Selbstzweifel seiner Erzählerin. Auf der Bühne bleibt dafür kaum Raum. Die Rollen sind trotzdem klar verteilt: hier die schüchterne junge Frau, dort der weltgewandte Gutsherr und daneben Mrs. van Hopper als Snob, die jeden nach Stand bemisst.

Über dem Glück des Paares wacht Mrs. Danvers: Antonia Kalinowski als das „Ich“ (v. l.) und Mark Seibert (v. r.) als Maxim de Winter, im Nebel dahinter Bettina Mönch und das Ensemble. Foto: Björn Hickmann

Diese klare Ordnung hat ihren Preis. Kunze hat die vielschichtigen Romanfiguren für die Bühne vereinfacht. So lebt das Stück eher von seinen Wendungen als von seinen Charakteren. Schlecht gealtert ist vor allem das Frauenbild: Eine naive Frau, die ihr Leben ganz nach einem angesehenen Mann ausrichtet, wirkt heute reichlich überzeichnet. Das ist zum Teil der Vorlage geschuldet, die Bühnenfassung erzählt die Figur nicht differenzierter.

Dass man darüber gern hinwegsieht, liegt an der Besetzung, die bis in die kleineren Rollen stimmlich wie darstellerisch überzeugt. Antonia Kalinowski verkörpert die Unsicherheit ihrer Figur in vielen kleinen Gesten überaus präzise. Noch glaubhafter gelingt ihr im zweiten Akt der Wandel zur selbstbewussten Frau, die um ihren Mann kämpft. Ihr klarer, warmer Sopran trägt die großen Balladen mühelos. Mark Seibert kennt den Maxim aus der Wiener Neuproduktion von 2022 und zeigt hinter der kühlen Fassade einen Mann, der an seiner Vergangenheit zu zerbrechen droht. Kontrolliert, wie es die Rolle verlangt, und mit der starken Präsenz, für die man ihn kennt. Erst spät wird klar, dass sein Schweigen über Rebecca andere Gründe hat als Trauer.

Zwischen Rebeccas Orchideen und ihrem Sekretär hält Mrs. Danvers (Bettina Mönch) die Erinnerung an die Tote wach. Foto: Björn Hickmann

Die heimliche Hauptrolle gehört Bettina Mönch, deren Mrs. Danvers lange undurchschaubar bleibt. Ist es Trauer, Hass oder eine unausgesprochene Liebe, die sie an die Tote bindet? Mönch lässt die Frage offen und macht die Figur gerade dadurch unheimlich. Das gelingt ihr mit bemerkenswert wenigen Mitteln. Schon wenn sie nur reglos am Rand steht, beherrscht sie die Bühne. Gesanglich ist sie eine Klasse für sich. Wer Publikumslieblinge wie Mönch und Seibert verpflichtet, hat den Erfolg schon halb in der Tasche. Für Lacher sorgen Amani Robinson als schrille Mrs. van Hopper und David Jakobs als schmieriger Erpresser Jack Favell.

Ein Haus voller Stimmen

Neben den Solisten übernimmt das Ensemble eine eigene Rolle. Im Hotel tuscheln die Gäste über Alter und Herkunft des Paares, auf Manderley lästert die Dienerschaft über die neue Herrin. Als schließlich Rebeccas Segelboot samt Leiche aus dem Meer geborgen wird, hat die Öffentlichkeit über Maxim geurteilt, lange bevor die Untersuchung abgeschlossen ist. So wird das Ensemble zur Stimme einer urteilenden Gesellschaft. Es spricht aus, was das Publikum ohnehin denkt, und singt dabei so klar, dass kein Wort verloren geht.

Nadelstreifen und Pailletten: David Jakobs als Jack Favell mit Revue-Ensemble, auf dem Sofa Markus Schneider (Frank Crawley) und Antonia Kalinowski (das „Ich“). Foto: Björn Hickmann

Das Bühnenbild von Karl Fehringer und Judith Leikauf baut auf ein drehbares Haus. Mal zeigt es die Hotellobby, mal die Halle mit geschwungener Treppe oder Rebeccas Zimmer voller weißer Orchideen. Bücherwände, Felsen und schwere Vorhänge werden von der Seite hereingeschoben oder von oben herabgelassen. Falk Bauers Kostüme verorten die Handlung stimmig in den Zwanzigerjahren, beim Maskenball tummeln sich Federboas und Lorbeerkränze. Wenn Mrs. Danvers am Ende Manderley in Brand steckt, zeigt sich, wie viel Aufwand in dieser Produktion steckt. An die Opulenz der Wiener Inszenierungen reicht sie nicht ganz heran, erzählt aber außergewöhnlich wirkungsvoll.

Dass die Spannung bis dahin trägt, liegt nicht zuletzt an der Musik. Levays Melodien gehen sofort ins Ohr. Mrs. Danvers’ Titelsong kehrt immer wieder. Wo Rebecca nicht zu sehen ist, ist sie zu hören. Manche Reprise kommt erwartbar und auch die Texte hätten auf manche inhaltliche Doppelungen verzichten können. Ins Gewicht fällt das kaum. Levay und Kunze verstehen es, Musik und Handlung zu einer Einheit zu verbinden. Die Dortmunder Philharmoniker unter Carlos Vázquez spielen kraftvoll, ohne die Stimmen zu überdecken.

Wenn das Ich zum Schluss noch einmal von Manderley träumt, schließt sich der Kreis. Aus dem Albtraum ist eine Erinnerung geworden und aus der Gesellschafterin eine Frau, die ihren Platz gefunden hat. Das Stück zeigt nach zwanzig Jahren kleine Alterserscheinungen, die Dortmunder Produktion kaum.